Arbeitshilfe

Im Labyrinth der Erinnerung

Versos del Olvido

Ein Film von Alireza Khatami
Frankreich, Deutschland, Niederlande, Chile 2017, 92 Min. OmU, Spielfilm

Inhaltsangabe

Die Hauptperson ist ein alter Mann, Friedhofwärter auf einem abgelegenen Friedhof in einer unbekannten Stadt in einem lateinamerikanischen Land, der sich an alles erinnern kann, außer an Namen, seinen eigenen eingeschlossen. Ihm zur Seite der Totengräber, der kein Grab aushebt, ohne zu wissen, wie der zu Beerdigende gestorben ist, und der Leichenwagenfahrer, der beunruhigende Nachrichten von Demonstrationen in die Abgeschiedenheit des Friedhofs bringt.
Die Ruhe des Friedhofwärters wird jäh zerstört, als Militärs in die Leichenhalle eindringen, um dort Opfer der Demonstrationen zu verstecken. Kurze Zeit später sind die Leichen verschwunden, nur der tote Körper einer jungen Frau wurde zurückgelassen. In Erinnerung an seine eigene Geschichte beschließt der Friedhofwärter, ihr ein ordentliches Begräbnis zu ermöglichen. Um die nötigen Unterlagen zu besorgen, steigt er hinab in das labyrinthische Archiv der Leichenhalle und fälscht einen Totenschein. Doch noch fehlt die Geburtsurkunde für die Erlaubnis zur Bestattung durch die Friedhofsverwaltung. Seit Jahren kommt regelmäßig eine schweigsame alte Frau auf der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter zur Leichenhalle. Wenn sie die junge Frau als ihre Tochter anerkennen würde, wären die Papiere für die Bestattung vollständig.
Doch die Militärs kommen zurück, denn niemand glaubt, dass sich der Friedhofwärter, dessen Gedächtnis legendär ist, an nichts erinnern kann, was in jener Nacht geschah. Als zwei der Militärs beim Vordringen in das labyrinthische Archiv verschwinden, ziehen Arbeiter eine Mauer hoch. Der Friedhofwärter bleibt auf der dunklen Seite ohne Ausgang. Doch er findet einen Weg zurück an die Oberfläche. Da der Totengräber, die Geschichte der toten jungen Frau nicht kennt, weigert er sich, ihr Grab zu schaufeln. So macht sich der alte Mann selbst an die Arbeit.
Das Schloss der Leichenhalle wurde ausgewechselt. Der Friedhofwärter kann es alleine nicht aufbrechen, um die Leiche für die Beerdigung zu holen. Da tritt ein junger Mann an seine Seite – ist es der verschwundene Sohn, dessen Foto er bei der Suche nach Dokumenten für die tote junge Frau betrachtet hat? Gemeinsam gelingt es ihnen, die Tür zur Leichenhalle zu öffnen.
Am Abend nach der Beerdigung wird die Hochzeit der Tochter des Leichenwagenfahrers gefeiert. Der Totengräber stellt sich in seiner neuen Arbeit vor: er will von nun an sein Akkordeon nur noch auf Hochzeiten spielen, und nur, wenn er die Geschichten, wie sich Braut und Bräutigam kennenlernten, erfährt.
Der alte Mann fährt mit einem Taxi zum Meer. Im Radio wurde berichtet, dass sieben Wale am Strand angespült wurden und nur einer überlebte. Wale seien soziale Tiere, die ihre Angehörigen nicht ohne weiteres zurückließen. Der alte Mann steht allein an einem weiten Strand, als sich ein Wal gewaltig aus dem Wellen erhebt und klatschend ins Wasser zurückfällt.

Ausführlich zu Inhalt und Erzählweise des Films

„Die Welt ist fort, ich muss dich tragen“
Paul Celan (1920-1970)

Mit Wucht führt diese Gedichtzeile von Paul Celan, die dem Film noch im Schwarzbild vorangestellt ist, in die komplexe Geschichte ein. Jeder Ort, jedes Bild, jede Einstellung, jede Farbnuance und jeder Satz haben eine Bedeutung, die sich in anderen Teilen des Films spiegelt. So wie die Gedichtzeile sagt, ist der Grundton des Films ein unsagbarer Verlust, der allen Personen tief in die Seele gedrungen ist. Und doch ist der Film auch nur die einfache Geschichte einer menschlichen Geste, die einen Hauch von Trost für die Verschwundenen, Ermordeten, Gefolterten und namenlos Verscharrten spendet, die diktatorische Regime überall auf der Welt und zu jeder Zeit hinterlassen haben.

Die Protagonisten

Der Friedhofwärter (Juan Margallo) trägt an einer schweren Erinnerung, die auf ihm lastet und über die er nicht spricht. Es umgibt ihn ein Flor der Trauer, die sein verschlossenes, sensibles Gesicht zum Ausdruck bringt. Er kann nichts vergessen.
Der Leichenwagenfahrer (Manuel Morón) lebt im hier und jetzt seiner unmittelbaren Umgebung. Ihn beschäftigen die Missstände, die ihn umgeben, er ist hilfsbereit, auch wenn er dadurch in Schwierigkeiten geraten könnte. Er freut sich aber auch über die Hochzeit seiner Tochter und die schönen Seiten des Lebens.
Der Totengräber (Tomás del Estal) verschließt die Augen vor der Realität und ist im ersten Teil des Films nicht zu sehen – nur seine Schaufel, die aus dem Grab ragt. Seine Welt ist die der Toten, deren Geschichten ihm wichtiger sind als die der Lebenden. Dies ändert sich erst zum Ende des Films – wenn sich für alle Beteiligten so vieles geändert hat, weil der jungen Toten die Würde zurückgegeben wurde – und er sein Akkordeon für die Hochzeitsfeier hervorholt.

Der Alltag des Friedhofwärters

Ein alter Mann, der Friedhofwärter, steht an einem offenen Grab, aus dem nur eine kraftvoll geführte Schippe zu sehen ist, die Erde an die Oberfläche befördert. Der Totengräber erzählt die Geschichte des Mannes der hier begraben werden soll: er habe seine Sachen gepackt und sei so oft an die Endhaltestelle des Busses gefahren, der gerade gekommen ist, bis er in ihrer Stadt gelandet und gestorben sei. „Ich sage Dir, das ist ein tolles Filmende“, so beschließt er seine Ausführungen. Und als sein Handy klingelt – der Klingelton ist die scheppernde Version von Vivaldis „Der Sturm“ aus den Concerti op. 8, die Musik wird uns später wiederbegegnen – wird ihm eine neue Geschichte über einen neuen Toten erzählt. Der Friedhofwärter weiß, dass es der 997. ist.
Ein Mann kommt zur Leichenhalle und wird zu einer der Kühlkammern geführt. Erkennen, stille Tränen. Ein Stempel schließt die Akte ab: Identifiziert. Sie wird in das labyrinthische Archiv unter der Leichenhalle gebracht, wo es schon lange kein Licht mehr gibt. Der Friedhofwärter gießt das Gemüsebeet, das er zwischen den Gräbern angelegt hat, als ein Mann auf der Suche nach einem Grab auf ihn zukommt. Der Friedhofwärter kennt ihn anscheinend aus dem Gefängnis und erzählt ihm seine Geschichte, die der Mann offensichtlich vergessen hat und die sich ihm nur in schrecklichen Albträumen offenbart. Er habe drei Männer umgebracht, weil er in seine Cousine verliebt war. 2.679 Tage sei er im Gefängnis gewesen, dort habe er einen Brief für ihn an die Geliebte geschrieben, als der Mann vorzeitig aus der Haft entlassen wurde. Warum er frühzeitig entlassen wurde, will der Mann wissen. Der Friedhofwärter sagt ihm, dass er den Wachmännern geholfen habe, die Exekutierten mit Kalk zu bestreuen und hierfür mit deren Uhren entlohnt worden sei. Da verflucht ihn der Mann und wendet sich ab.
Im Radio wird berichtet, dass sieben Wale an der Küste gestrandet seien und nur einer gerettet werden konnte. Warum diese intelligenten Tiere Selbstmord begingen könne nicht erklärt werden.

Neuigkeiten aus der nahen Stadt

Der Leichenwagenfahrer berichtet besorgt von Demonstrationen in der Stadt und dass er wegen der Unruhen die Einladungen für die Hochzeit seiner Tochter nicht bei der Druckerei habe abholen können. Die Windschutzscheibe seines Wagens ist durch einen Stein zersplittert. Als sie auf dem Friedhof ankommen begegnet ihnen eine alte Frau. Sie kommt einmal im Monat auf der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter, nun schon zum 249. Mal wie der Friedhofwärter weiß, das sind 20 Jahre. Warum ihr niemand sagt, dass sie zu den Verschwundenen gehöre, die damals in den Bergen verscharrt worden sei, will der Leichenwagenfahrer wissen. Der Friedhofwärter erklärt der alten Frau, dass keine neuen Leichen mehr gebracht werden, weil der Friedhof  geschlossen wird.

Der Wendepunkt

Der Friedhofwärter ist beim Reinigen der Leichenhalle, als bewaffnete Militärs in das Gebäude eindringen. Man kann sie nicht erkennen, als sie Leichen in die Kältekammern bringen. Als sie gehen, nehmen sie den alten Mann mit. Nachts in der Wüste schleifen sie den Gefesselten aus dem Wagen und befehlen ihm, sich hinzuknien. Dann fällt ein Schuss – wie bei einer Scheinhinrichtung, bei der die Opfer in Todesangst sich selbst überlassen werden. Zuhause angekommen findet er keine Ruhe. Schließlich zieht er sich den Kopfkissenbezug über den Kopf. Er sieht aus wie ein Gefangener, ein anonymes Folteropfer.
Der Leichenwagenfahrer gibt ihm praktische Tipps, wie mit der Situation umzugehen sei. Er solle sagen, er habe nichts gesehen, sei gestürzt, habe alles vergessen. Im Moment suchen die Militärs überall Orte, um die Toten loszuwerden.
Und wieder steht er am Grab, aus der die Schippe des Totengräbers ragt. Jede Geschichte braucht ein Ende, sagt der Totengräber und beschreibt damit das Motiv, das ihn bewegt, das Schicksal der Toten zu erfahren, deren Gräber er aushebt. Und weiter sagt er: Wenn jemand stirbt, dann stirbt die ganze Welt mit ihm. Nicht nur „eine Welt“, sondern die ganze Welt stirbt mit ihm.
Und hier sind wir an den Anfang des Films zurückgeführt worden, an die Gedichtzeile von Paul Celan „Die Welt ist fort, ich muss dich tragen“, die den Wendepunkt im Schicksal des Friedhofwärters darstellt. Denn in der Interpretation von Jacques Derrida, für den die Zeile hohe Bedeutung hatte, heißt es: Wenn das Du entschwindet, verschwindet mit ihm die Welt. Einmalig ist die Welt nur mit diesem Du, das fort ist und die Welt mit sich genommen hat. Aber trotz dieses unwiederbringlichen Verlustes wird dem Ich die Aufgabe des Tragens als ein Muss auferlegt. Angesichts des Fortseins der Welt hat das Ich dem Du gegenüber diesen Auftrag der Liebe zu erfüllen (s. Literaturhinweise).
Der Direktor der Friedhofsverwaltung weist den Bestatter darauf hin, dass es gut sei, „dass niemand niemanden gesehen hat“. Der Friedhof wird sowieso geschlossen und er solle in Rente gehen. Wie lange er denn gearbeitet habe? 7.686 Tage.
Auf dem Heimweg trifft er die alte Frau wieder, die ihre Tochter sucht. Der Film ist größtenteils in erdigen Farben gehalten, die Räume sind dunkel und gedeckt. Doch jetzt springen Zitronen in intensivem Gelb durchs Bild, sie rollen aus der löchrigen Tasche der alten Frau. Der Friedhofwärter folgt ihnen, so schnell er kann. Er trägt ihre Einkäufe nach Hause.
Zurück auf dem Friedhof findet er die Leichenhalle zerstört vor. Die Kältekammern sind geöffnet, die Leichen verschwunden. Er beseitigt die Blutspuren der weggezerrten Leichen und findet einen Ohrstecker in Form eines Wals. Dann merkt er, dass eine Kältekammer nicht geöffnet wurde, darin die blutverschmierte Leiche einer jungen Frau.
Hoffentlich haben sie vergessen, was sie zurückgelassen haben, sagt sein Freund der Totengräber. Wenn sie sich daran erinnern, was sie vergessen haben, dann haben sie es nicht vergessen. „Ich sage Dir, das Vergessen zu vergessen, das ist wahre Vergessenheit“.
Der Friedhofwärter fürchtet, dass die Militärs zurückkommen und auch die junge Tote namenlos und ohne Spur in den Bergen verscharrt wird. Zum ersten Mal sieht man in dem ansonsten ruhigen und in sich gekehrten Gesicht des alten Mannes so etwas wie Furcht aufscheinen, die von der Erinnerung an das erlittene Leid herrühren mag oder von der eigenen Hilflosigkeit, etwas ändern zu können.
Dann hört er das Klagen der Wale. Vom Friedhof aus sieht er, wie eines der großen Tiere über ihm durch die Luft fliegt. Es beginnt zu regnen.
Das Erscheinen des Wals in der Luft, einem Ort, an den er nicht gehört, besiegelt den Wendepunkt im Leben des Friedhofwärters. Von nun an ist er aufgefordert, furchtlos zu handeln.

Die Bedeutung des Wals

Um der Zensur zu entgehen, haben iranische Filmschaffende immer wieder auf eine verschlüsselte metaphorische Bildsprache zurückgegriffen. So hat Alireza Khatami das Bild des Wals, der unvermittelt am Himmel auftaucht und dessen Geschichte im Radio erzählt wird, als sieben Wale an der Küste stranden, von denen nur einer gerettet werden kann, in seine Filmerzählung eingewoben.
In der klassischen persischen Literatur und Poesie repräsentieren Wale sowohl Monster als auch bewundernswerte Wesen.
„Ich habe den Wal gewählt, um die Erinnerung darzustellen“ so Alireza Khatami. Sie stehen für die entsetzlichen Erinnerungen, die die Menschen nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Begegnung mit dem Wal, der über dem Friedhofwärter durch die Luft fliegt, nachdem er verzagt ist und zweifelt, führt ihn zurück zu seinem Vorhaben, der jungen Frau eine würdige Bestattung zu ermöglichen. Denn so wenig wie der Wal in die Luft gehört, gehört er zu denen, die vergessen. Er begibt sich in die Abgründe des labyrinthischen Archivs wie in den riesigen Bauch des Wals, um die Formulare für die Tote zu suchen. Später wird er von den Militärs dort eingemauert, aber er findet einen Ausweg zurück an die Erdoberfläche.
Nachdem das tote Mädchen offiziell bestattet ist, ist der Wal wieder im Wasser, seinem ursprünglichen Element angekommen.

Die Vorbereitungen für die Bestattung

Zuhause durchstöbert der Friedhofwärter alte Zeitungsausschnitte, in denen es um Verschwundene, um „Terroristen“ und Ermordete geht. In einem Fotoalbum betrachtet er das Bild eines jungen Mannes, der einen Gummireifen um den Hals trägt – ein Spielzeug? Hinweis auf ein Folterinstrument? Ist das sein Sohn, an den sich zu erinnern ihn so bedrückt?
Er entfernt den Namen aus einer Sterbeurkunde mit einem Rasiermesser.
In der Friedhofsverwaltung trifft er auf einen Beamten, der tief unter der Erde in einem beengten Raum, umgeben von Akten und Uhren, seinen Dienst tut. Dass er nicht mehr weiß, warum die Wecker klingeln, ist nur ein Zeichen mehr für die Sinnlosigkeit seines Tuns, wenn den Toten Name und Herkunft sowieso genommen werden.
Doch er kann die Erlaubnis zur Bestattung nicht erteilen, auch wenn der alte Mann die junge Tote als seine eigene Tochter ausgibt. Es fehlt die Geburtsurkunde.
In der Leichenhalle wäscht der Friedhofwärter die tote junge Frau und steckt ihr den Ohrstecker in Form eines Wals an. Er geht zu der alten Frau zurück, um sie davon zu überzeugen, dass sie diese Tote als ihre Tochter ausgeben soll, um ihr ein würdiges Begräbnis zu ermöglichen. Sie folgt ihm zur Leichenhalle. Als er die Kältekammer öffnet, streicht sie ihr übers Haar. Da sinkt der Kopf der Toten in Richtung der alten Frau, als würde sie sich ihr zärtlich zuneigen.
Zurück in der Friedhofsverwaltung erkundigt sich der Friedhofwärter nach einer Grabparzelle. Eine spitze mittelalte Frau empfiehlt ihm, sich eine billige Parzelle in seinem Heimatdorf zu besorgen. Als sie erfährt, dass er bereits ein dauerhaftes Grab auf dem Friedhof hat, versucht sie, ihn zu bestechen. Doch er wendet sich ab und geht.
Der Totengräber weigert sich, das 1.000. Grab für die unbekannte junge Tote auszuheben, deren Geschichte er nicht kennt. So macht sich der alte Mann selbst ans Werk.
Zu Hause schreibt der Friedhofwärter einen Brief, auch wenn der Kuli schon keine Tinte mehr hat und nur mehr der Abdruck der Mine auf dem Papier erscheint. Ist es seine Geschichte, die er aufschreibt? Sein Vermächtnis? Es fällt ihm offensichtlich schwer, die Dokumente zu verschicken, an wen sie gerichtet sind erfahren wir nicht. Auch auf der Post funktioniert der Stift nicht und er kann die Adresse nicht aufschreiben. Da hört er erneut die Klagelaute des Wals und es beginnt zum Erstaunen aller im Postamt zu regnen. Der Brief wird nicht abgeschickt.
Der Leichenwagenfahrer hat mittlerweile die zersplitterte Windschutzscheibe seines Wagens entfernt und zusammen fahren sie zur Druckerei, um die Hochzeitsanzeige seiner Tochter und die Todesanzeige für die junge Frau abzuholen. Der Drucker erklärt, dass es wegen der unablässigen Demonstrationen kein Papier mehr gibt und er die Rückseite alter Wahlplakate mit der Todesanzeige bedruckt habe. Die Wahlparole lautete: „Wählen sie den Richtigen, die Vergangenheit geht vorüber“. Friedhofwärter und Leichenwagenfahrer sehen sich schweigend an. Als der alte Mann die Zettel an die Wände kleben will, kommt ein Windstoß und weht sie davon.

Das Erdbeben

Der Direktor der Friedhofsverwaltung kommt zur Leichenhalle und fragt den alten Mann erneut, warum er am Sonntag auf dem Friedhof war und ob er in jener Nacht etwas gesehen habe. „Sie erinnern sich an nichts“, meint er, „das ist ja was ganz Neues“.
Sie steigen in das labyrinthische Archiv im Keller. Es gibt kein Licht, nur eine Kerze für eine notdürftige Beleuchtung. Von dem Faden, den er selbst nutzt, um aus der Unübersichtlichkeit des Archivs zurückzufinden, sagt der Friedhofwärter nichts. Der Direktor schickt einen seiner Begleiter in das Archiv, aber auch die Suche des zweiten endet mit einem dumpfen Schlag und einer Staubwolke. Sie bleiben verschwunden. Arbeiter mauern das Archiv zu und lassen den Friedhofwärter hinter der Mauer zurück.
Dann bebt die Erde. Wir sehen, wie das Wasserglas auf dem Wohnzimmertisch des Friedhofwärters immer weiter zum Rand rutsch. Aber es fällt nicht herunter. Er kann sich retten. Als das Beben aufhört, findet der alte Mann durch eine verschobene Grabplatte einen Ausweg nach oben.
Erschöpft sitzt der Leichenwagenfahrer im Wohnzimmer des Friedhofwärters. Sie trinken Schnaps. Sie hätten ihm gesagt, er sei in sein Dorf zurückgekehrt erzählt der Leichenwagenfahrer kopfschüttelnd. Er fügt hinzu, dass sie das Schloss zur Leichenhalle ausgetauscht hätten. Dann sagt er noch, dass er seit den Demonstrationen wieder unter Albträumen leide.

Die Bestattung

Es will dem alten Mann nicht gelingen, das Schloss der Leichenhalle aufzubrechen. Da rollt ein Reifen vorbei, ein junger Mann kommt auf ihn zu – sein Sohn? Gemeinsam gelingt es ihnen, das Schloss zu öffnen. Im Rückspiegel des Leichenwagens, der die Tote zur Kirche bringt, sieht er den jungen Mann, der das Gemüse zwischen den Gräbern gießt. Sein Bild ist schwarzweiß.
In der Kirche erfahren wir zum ersten Mal, dass der Totengräber blind ist. Als der Priester nicht erscheint, tastet er sich mit seinem Blindenstock zum Altar, nimmt einen großen Schluck aus dem Abendmahlskelch und beginnt mit einer improvisierten Predigt. „Wir haben nur wenig Zeit um den Lebenden zu gefallen, aber alle Zeit, um die Toten zu lieben. Unter der Erde werde ich für immer liegen. Leben. Wenn dies dein Wunsch ist, dann lebe und entziehe dich den heiligen Gesetzen des Himmels“. Dann kommt der Priester und die Beerdigung findet auf dem alten Friedhof ihren feierlichen Abschluss.
Im Radio wird berichtet, dass nur einer der Wale gerettet werden konnte, die anderen sechs starben. Er hält sich in der Nähe der Küste auf. Wale haben starke soziale Bindungen. Sie betrauern den Verlust eines geliebten Artgenossen, sie wollen nicht loslassen. Dieses Verhalten ähnelt dem der Menschen.

Die Lebenden und die Toten

Das labyrinthische Archiv und die Friedhofsverwaltung liegen unter der Erde. Auch der Friedhofwärter soll unter der Erde bleiben, als Arbeiter das Archiv zumauern. Doch er findet zurück zu Oberfläche. Und selbst der Totengräber kehrt am Ende aus dem Reich der Toten auf die Erde zurückkehrt. Denn auf der Hochzeit verkündet er seinen Freunden, dass er von nun an mit seinem Akkordeon auf Hochzeiten musizieren will, wenn er dafür die Geschichten erfährt, wie sich die Brautleute kennen gelernt haben. Auch der Wal, der durch die Luft flog, kommt schließlich wieder in seinem Element, dem Wasser, an – vielleicht, um Frieden zu finden, vielleicht um zu bezeugen, wie Zivilcourage und das Ringen um Gerechtigkeit das Leben der Menschen verändern und zum Guten wenden kann.
Als der alte Mann in der letzten Einstellung allein am Meer steht und den Wal sieht, wie er sich aus den Wellen erhebt, erklingt noch einmal die drängende Melodie von Vivaldis „Sturm“, die wir schon aus der ersten Szene des Films kennen, diesmal jedoch kraftvoll und unverfälscht auf dem Akkordeon.

Würdigung und Kritik

Die Notwendigkeit des Erinnerns ist Zentrum des Films. Er ist eine poetische Hommage an diejenigen, die sich um Gerechtigkeit für die Unbekannten bemühen, um zur Heilung der Gesellschaft beizutragen und das Vergessen zu überwinden. Mit seinen Protagonisten schickt der Regisseur drei Archetypen des Handelns auf die Bühne des hermetisch abgegrenzten Geschehens. Der aufgrund seiner eigenen Geschichte verzagte Friedhofswärter, der zum Akteur wird, der der Vergangenheit zugewandte Totengräber, der sich am Ende der Zukunft öffnet, und der in den Nöten und Zuversichten seiner Zeit lebende Leichenwagenfahrer. Dass sie alle namenlos sind, ist hochsymbolisch. Denn der Name ist es letztlich, der uns in der Welt verortet. Der Vorname drückt die Wünsche und Erwartungen der Eltern an das Neugeborene aus, der Familienname berichtet über Herkunft, Tradition und Geschichte. Nicht von ungefähr besagt Artikel 7 der Kinderrechtskonvention, dass jedes Kind das Recht auf einen Namen von Geburt an hat. Als im Sommer 1987 der deutsche CDU-Politiker Norbert Blüm General Pinochet gegenübertrat sagte er: „Gott kennt jeden mit Namen, den Sie umgebracht haben“. So ist auch eine der Hauptforderung der Angehörigen an Diktaturen, den Verschwundenen ihre Namen zurückzugeben, so dass sie ihnen Abschied nehmen können.

Neben den Protagonisten spielt die alte Frau im Film eine große Rolle. Sie steht für die Kontinuität des Erinnerns, aber auch die Sprachlosigkeit gegenüber den begangenen Verbrechen. Demgegenüber sind das Personal und der Leiter der Friedhofsverwaltung als Karikaturen dargestellt, die dem Vergessen wissentlich oder unwissentlich zuarbeiten. Der in einem Keller arbeitende Beamte, der nicht mehr weiß, an was er erinnert werden soll, die Frau, die selbst die Vergabe von Gräbern für ihren Vorteil zu nutzen weiß, und der Verwalter, der gleich das ganze Archiv über Leben und Sterben der Menschen der Stadt zumauern lässt und für immer dem Vergessen preisgibt.

Alireza Khatami ist in seinem Erstlingswerk eine kunstvolle Verdichtung komplexer Gefühlswelten in diktatorischen Prozessen gelungen. Denn seine Erfahrungen aus dem Iran fließen mit denen lateinamerikanischer Länder zusammen. So kann ein Diasporisches Kino entstehen, das unterschiedliche Ebenen von Welterfahrung verarbeiten und zu etwas Neuem zusammensetzen kann. Obwohl der Film nur auf einem Friedhof spielt und nur wenige Personen in die Geschichte einbezogen sind, ist sein Anliegen auf alle Unrechtsregime übertragbar. Er ist „ein stilles Meisterwerk“. (aus: Filmkritik in epd-film, 22.06.2018).

Hintergrund

Iran – der iranisch-irakische Krieg

Was hat den Regisseur dazu gebracht, sein Drehbuch, das ursprünglich im Iran spielte und mit iranischen und türkischen Schauspielern in der Türkei verfilmt werden sollte, in ein fiktives lateinamerikanisches Land zu verlegen?
Alireza Khatami ist im iranisch-irakischen Krieg (1980-1988, auch: 1. Golfkrieg) aufgewachsen, der die Jugend einer ganzen Generation prägte und auf beiden Seiten hunderttausende von Todesopfern forderte, viele blieben vermisst oder verschwunden. Ein kollektives Trauma, von dem fast alle iranischen Familien betroffen sind. Alireza Khatami erinnert sich an die Geschichte eines Nachbarn, dessen Sohn getötet wurde. Die Familie wartete 15 Jahre vergebens auf einen Leichnam, der bestattet werden konnte. Doch es blieb ihnen nur ein Schuh, der schließlich zu Grabe getragen wurde. 20 Jahre später, während der Grünen Revolution, gab es wieder Tote und Verschwundene, so, wie es im Film letztlich erzählt wird. Die alte Frau wartet 20 Jahre lang vergeblich auf ihre Tochter. Der Friedhofwärter arbeitet seit 20 Jahren auf dem Friedhof. In der filmischen Jetzt-Zeit gibt es große Demonstration in der Stadt, die blutig niedergeschlagen werden, es gibt erneut Tote und Verschwundene. Diese Ereignisse durchdringen als Subtext auch den Film eines anderen jungen iranischen Regisseurs: „Eine respektable Familie“ von Massud Bakhshi (s. Medienhinweise). Darin geht es um die Geschichte einer Familie, die eng mit der Geschichte des Iran verknüpft ist. Während der Vater Gewinn aus dem Märtyertod seines ältesten Sohnes im Iranisch-irakischen Krieg zieht, wird die Korruptheit der Gesellschaft, deren Einheit und Siegeswille während des Krieges durch die Religion ideologisch hergestellt wurde, offenbar. Der zweite Sohn verliert sich in den kriminellen Verstrickungen seiner Familie, ein Hoffnungsschimmer sind die Demonstrationen der Grünen Revolution, in denen er sich am Ende verliert.

Entstehungsgeschichte / Der Regisseur über seinen Film

„Meine Hoffnung war es, mich von meiner eigenen Geschichte zu distanzieren und sie mit frischen Augen zu betrachten. Die Entfernung war entscheidend, um den besten Weg zu finden, die Geschichte zu erzählen. Mein Anliegen war das Politische, nicht die Politik. Ich wollte einen Film machen, der die Zeit überdauert. Ich habe das Drehbuch 43 Mal umgeschrieben. Wir haben mehrere Länder in Betracht gezogen und sogar zwei erkundet, bevor wir die endgültige Entscheidung getroffen haben. Chile hatte eine Geschichte, die relevant war, und es gab die Drehorte, die ich suchte. Ich muss zudem sagen, dass die Chilenen mich ohne zu zögern akzeptiert haben. Ich fühlte mich wie zu Hause. Als ich das erste Mal durch die Straßen von Santiago ging, weinte ich. Chile ähnelt dem Iran auf eine unglaubliche Art. Wenn man sich ein Foto aus Teheran oder Santiago ansieht, kann man nicht wirklich sagen, wo es aufgenommen wurde.
Ich denke, der Film verbindet die Poesie des iranischen Kinos mit der Magie der lateinamerikanischen Literatur. Ich bin aber ebenso ein Bewunderer von Theo Angelopoulos, Roy Anderson, Apichatpong Weerasethakul und vielen anderen. Vielleicht kann man diesen hybriden Mix, in dem sich Filmemacher zwischen den Kulturen bewegen und die Geschichten aus einer neuen Perspektive erzählen, das Diasporische Kino nennen. Die Kategorisierung von Filmen anhand der Nationalität ist eine problematische Art, Filme zu verstehen. Grenzen sind nur imaginäre Linien, die von Herrschaftsregimen gezogen werden. Geschichten sind da, um diese Linien zu überschreiten und die Fantasie zu erweitern.“ (aus: Presseheft zum Film https://sabcat.media)

Chile – Diktaturen in Lateinamerika

Die chilenische Diktatur, die am 11. September 1973 mit dem Putsch der Streitkräfte gegen den gewählten Präsidenten Salvador Allende begann, war zweifellos einer der brutalsten und systematischsten Lateinamerikas. Innerhalb weniger Tage hatte das Militär das Land unter Kontrolle gebracht. Ende der siebziger Jahre hatte die Diktatur Chile fest im Griff. Zielgerichtet wurden vermeintliche oder tatsächliche Regimegegner verfolgt. Die traurige Menschenrechtsbilanz gibt davon Zeugnis: 2.095 Ermordete oder Hingerichtete; 1.102 spurlos Verschwundene; rund 250.000 Exilierte und weit mehr als 27.000 politische Gefangene und Folteropfer.
Die chilenischen Streitkräfte hatten sich durch ein 1978 erlassenes Amnestie-Dekret gegen Strafverfolgung abgesichert. Im Laufe der folgenden Jahre konnte die Menschenrechtsbewegung bei der Strafverfolgung einige Teilerfolge erzielen: So gab es Ende 2004 mehr als 400 Verfahren gegen Mitglieder der Streitkräfte und der Polizei, 46 Verantwortliche wurden zu Haftstrafen verurteilt. Diese Zahl erscheint zwar angesichts von mehr als 3.000 Todesopfern gering. Sie liegt aber weit höher als beispielsweise in Argentinien, wo die Amnestiegesetze aufgehoben wurden (aus: bpb, s. Literaturhinweise).
Dass die Familien über den Verbleib ihrer Angehörigen im Unklaren gelassen wurden, gehörte zu der perfiden Art von Repression gegen weite Teile der Bevölkerung. In Argentinien suchen in der Nachfolge der Mütter und Großmütter der Plazo de Mayo nun die Kinder und Enkel der Verschwundenen nach Spuren ihrer Eltern und damit nach ihrer eigenen Geschichte.
Auch in Uruguay führten schwindende Privilegien der Oligarchie zu einem Militärputsch. Im Juni 1973 löste das Militär das Parlament auf. Führende Köpfe des Widerstandes wurden verhaftet und gefoltert. Mauricio Rosencof und Fernández Huidobro überlebten 11 ½ Jahre in absoluter Isolation. Die Möglichkeit dieses Schicksal zu überleben, beschreiben sie in ihrem Buch „Wie Efeu an der Mauer. Erinnerungen aus den Kerkern der Diktatur“ (s. Literaturhinweise). Im Vorwort ihres 1987 in Uruguay unter dem Titel „Memorias del Calabozo“ veröffentlichen Buchs schreiben sie: „Wir rufen die Überlebenden jeder Untergrundarbeit, des Exils und der Gefängnisse brüderlich auf, ihr Zeugnis abzulegen und gemeinsam dem Schmerz, dem Opfer und dem Heldenmut des uruguayischen Volkes in diesem kämpferischen Jahren ein Denkmal zu setzen. Damit es nicht vergessen wird. Damit es weithin sichtbar ist. Damit es Kraft gibt. Damit es wachrüttelt. Damit es Wege aufzeigt“.
Um die unmenschlichen Lebensbedingungen in uruguayischen Militärgefängnissen während der Diktatur geht es auch in dem 1982 erschienen Spielfilm „Die Augen der Vögel“ von Gabriel Auer (Uruguay, Frankreich, Großbritannien 1982, 76 Min.). Einer internationalen Kommission des Roten Kreuzes wird zwar der Zugang zur Überprüfung der Haftbedingungen gewährt, nach ihrer Abreise beginnen jedoch die Repressionen gegen die Häftlinge, die ihre Aussagen gemacht haben.
Schon 1976 befasste sich Peter Lilienthal, der als Kind einer deutsch-jüdischen Familie mit seiner Mutter 1939 nach Uruguay floh und dort aufwuchs, in seinem Film „Es herrscht Ruhe im Land“ (Deutschland, Österreich 1976, 103 Min.) mit den Repressalien von Diktaturen in einem fiktiven lateinamerikanischen Land. Als einigen politischen Gefangenen mithilfe der Bevölkerung die Flucht gelingt, wird der Ausnahmezustand über die Stadt verhängt und das Fußballstadion zum Gefängnis umfunktioniert, um den Großteil der Bewohner zu internieren und zum Schweigen zu bringen.

Über den Regisseur

Alireza Khatami wurde 1980 im Iran geboren. „Oblivion Verses“ ist sein erster langer Spielfilm.
Das Drehbuch hat er im Rahmen der Cannes Residence und der Berlinale Script Station entwickelt.
Seine Karriere begann im Jahr 2000 als Assistent mehrerer bekannter iranischer Regisseure, darunter Asghar Farhadi. Später studierte er Visuelle Effekte in Malaysia und erwarb einen Master of Fine Arts in Filmproduktion am Savannah College of Art & Design. Nachdem er drei Jahre in Beirut Film unterrichtet hatte, zog er nach Chicago, wo er heute Assistenzprofessor an der School of Cinematic Arts der DePaul University ist.

Ausgewählte Filmographie
Mr. Chang‘s New Address. Kurzspielfilm, Taiwan  2013. Premiere beim Filmfestival Cannes
Rain Dog. Kurzspielfilm, USA  2013
Focal Point. Kurzspielfilm, Malaysia  2009. Premiere beim Internationalen Filmfestival Rotterdam

Preise

„Im Labyrinth der Erinnerung“ wurde bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig mit dem INTERFILM-Preis zur Förderung des interreligiösen Dialogs ausgezeichnet. In der Urteilsbegründung der Jury heißt es: „In seinem Film erzählt Alireza Khatami von Verlust, Erinnerung, verschwundenen Körpern und von Trauer. Eine überzeugende Bildsprache vermittelt ein starkes Gefühl von Mitgefühl und Menschlichkeit. Für die Toten wie für die Lebenden Sorge zu tragen vereint uns, auch wenn diese Haltung sich historisch und religiös in unterschiedlichen Traditionen und Ritualen niedergeschlagen hat.“ Der Film erhielt in Venedig außerdem den Preis für das beste Drehbuch der Reihe Orizzonti und den des internationalen Kritikerverbandes „Fipresci“ für den besten Debütfilm.

Der Film wurde aus Mitteln des Evangelischen kirchlichen Entwicklungsdienstes in der Produktion gefördert.

Film des Monats der Jury der Evangelischen Filmarbeit, Juni 2018. In der Jurybegründung heißt es: „Der im Iran geborene Filmemacher Alireza Khatami erzählt in seinem Film über eine Kultur des Vergessens und Verschweigens und über sanften Widerstand dagegen. Seine Geschichte trifft eine empfindliche Stelle vieler totalitärer Regime: ihre korrupte Erinnerungskultur. Sie lassen Unliebsames gerne verschwinden und versuchen, sich schlechter Erinnerungen zu entledigen.“

Pressestimmen

„Der junge iranische Regisseur verbeugt sich vor Theo Angelopoulos, Franz Kafka und Terry Gilliam. Diese heterogenen Einflüsse verdichtet er zu einem in sich stimmigen Trip, der die Grenze zwischen Fantasie und Realität neu auslotet und durch seine diskrete Bildgewalt überzeugt. Ein stilles Meisterwerk“. (Manfred Riepe in epd-film, 22.06.2018)

„‘Los Versos del Olvido‘ erzählt poetisch eindringlich um das Weiterleben um den Preis des Vergessens und verbindet dabei überzeugend eine melancholische Grundstimmung mit Momenten grotesker Absurdität und schwarzem Humor. Durch sein dichtes Netz fantasievoller Assoziationen entfaltet sich der Film als universelle Parabel über den Umgang mit Tod, Verlust und staatlichem Terror“. (aus: www.filmdienst.de)

„Unter dem Leichenschauhaus hat der Friedhofswärter ein riesiges Archiv angehäuft. Ohne Strom durchforstet er es mit einer Kerze in der einen und einem Faden in der anderen Hand, um wie Theseus wieder herauszufinden. Die Milizionäre mauern ihn dort ein. Doch die Erinnerung, das lehrt Alireza Khatamis bestechendes Debüt gleich mehrfach, ist nicht totzukriegen.“ (aus: Falk Straub in www.kinozeit.de)

Didaktische Hinweise

Der Film eignet sich für den Einsatz in der Oberstufe und darüber hinaus für alle Gruppen, die sich mit Erinnerung, staatlicher Willkür, Zivilcourage und Menschenrechten befassen.

Anregungen zum Filmgespräch

Zum Film:

  • Bevor Sie den Film schauen, bitten Sie jeweils kleine Gruppen, sich besonders mit der Geschichte eines der Protagonisten zu befassen. Was erfahren wir über sie?
  • Die Aufmerksamkeit kann sich auch auf andere Personen des Films richten:
  • Was erfahren wir über die alte Frau, die jahrzehntelang nach ihrer verschwundenen Tochter sucht? Warum stimmt sie schließlich zu, die unbekannte Tote als ihre Tochter auszugeben?
  • Welche Funktion nehmen die Nebenfiguren ein: Wie sind die Angestellten und der Leiter der Friedhofsverwaltung gezeichnet?
  • Was erfahren wir über die Militärs? Auf welcher Ebene der filmischen Erzählung treten sie auf?
  • Durch welche Bilder werden die Oberwelt und die Unterwelt symbolisiert?
  • Welche Hinweise bekommen wir für die Unruhen in der Stadt?
  • Welche Bedeutung haben die Wale im Film – welche Informationen erhalten wir über sie durch die Radioberichte?
  • Welche Rolle spielt das Erdbeben? An welcher Stelle der Geschichte beginnt die Erde zu beben?
  • An welchen Stellen geht es um das Vergessen, wer spricht in welchem Ton darüber – die Protagonisten, die Militärs, die Friedhofsverwaltung?

Zum Inhalt:

  • Durch seine Zeit- und Ortlosigkeit lassen sich viele ähnliche Erfahrungen von staatlicher Willkür wie das Verschwinden von Personen aus unterschiedlichen Ländern und historischen Zusammenhängen mit dem Film verbinden.
  • Welche Ereignisse sind Ihnen aus der jüngsten Geschichte bekannt (z.B. Chile, Argentinien, Mexiko, Kolumbien, Guatemala, Armenien, Iran, Indonesien, Südafrika, Türkei)?
  • Wie haben Sie davon erfahren – oder haben Sie sie bewusst verfolgt?
  • Kennen Sie Berichte von politisch Verfolgten, die diese Ereignisse erlebt haben?
  • Aus welchen Ländern und Kontinenten stammen Ihre Informationen?
  • In welchen Ländern wurden Truth and Reconciliation Commissions – TRC (Wahrheits- und Versöhnung-Kommissionen) eingerichtet? Recherchieren Sie die Ergebnisse der Arbeit der Kommission in Südafrika.

Filme:

  • Eine respektable Familie
    Ein Film von Massud Bakhshi. Iran 2012, 90 Min. OmU, Spielfilm
    Bezug DVD: www.ezef.de
  • Salvador Allende
    Ein Film von Patricio Guzmán. Frankreich, Chile 2005, 100 Min. OmU, Dokumentarfilm
    Bezug DVD: www.ezef.de
  • Die Farbe der Wahrheit - Südafrikas Suche nach Gerechtigkeit
    Ein Film von Dobrivoie Kerpenisan und Clarissa Ruge. Deutschland, Südafrika 1998, 30 Min. Dokumentarfilm
    Bezug DVD: www.ezef.de
  • Dias y noches entre guerra y paz. Tage und Nächte zwischen Krieg und Frieden
    Ein Film von Uli Stelzner. Kolumbien, Deutschland 2017, 75 Min. OmU, Dokumentarfilm
    Information: www.iskacine.de/La Isla - archives of a tragedy. La Isla – Archiv einer Tragödie
    Ein Film von Uli Stelzner. Guatemala, Deutschland 2009, 85 Min. OmU, Dokumentarfilm
    Information: www.iskacine.de/
  • ...dass du zwei Tage schweigst unter der Folter!
    Ein Film von Frieder Wagner, Osvaldo Bayer. Deutschland 1991, 45 Min. Dokumentarfilm
    Information: www.laika-verlag.de/bibliothek/dass-du-zwei-tage-schweigst-unter-der-folter

Literatur / links:

  • Der ununterbrochene Dialog zwischen zwei Unendlichkeiten, das Gedicht
    In: Jacques Derrida, Hans Georg Gadamar: Der ununterbrochene Dialog. Hg. Martin Gessmann, Frankfurt/M. 2004)
    Interpretation des Gedichts von Paul Celan: Gerhard Härle: Lyrik – Liebe – Leidenschaft. Motivgeschichtlicher Streifzug durch die europäische Liebeslyrik https://www.vormbaum.net/index.php/latest-downloads/nellenburg-gymnasium/2206-liebeslyrik-eine-kommentierte-anthologie/file
  • Es gibt kein Morgen ohne gestern. Vergangenheitsbewältigung in Chile
    Hg. Nationale Kommission zur Untersuchung von politischer Haft und Folter. Hamburg 2008
  • Vom schwierigen Umgang mit dem Erbe der Pinochet Diktatur
    www.bpb.de/internationales/amerika/lateinamerika/44689/schwieriges-erbe?p=all
  • Ariel Dorfman: Den Terror bezwingen. Der lange Schatten Augusto Pinochets. Hamburg 2003
    www.amnesty.de/informieren/amnesty-report/amnesty-report-201718
  • www.institut-fuer-menschenrechte.de
  • www.humanrights.ch
  • Presseheft zum Film „Im Labyrinth der Erinnerung“  https://sabcat.media
  • Desmond Tutu: Keine Zukunft ohne Versöhnung. Düsseldorf 2001
  • Arbeitshilfe zum Film „Eine respektable Familie“ (Ein Film von Massud Bakhshi. Iran 2012, 90 Min. OmU, Spielfilm) https://www.ezef.de/publikationen/eine-respektable-familie/3310
  • Mahmoud Doulatabadi: Der Colonel. Unionsverlag, Zürich 2009
  • Mauricio Rosencof und Fernández Huidobro : Wie Efeu an der Mauer. Erinnerungen aus den Kerkern der Diktatur. Libertäre Assoziation, Hamburg 1990

Autorin: Bettina Kocher
Redaktion: Bernd Wolpert
September 2018