Arbeitshilfe

Rafael

Film: 

Spielfilm von Ben Sombogaart.
Niederlande, Belgien, Kroatien, Italien 2018, 100 Minuten

Inhalt

Der Tunesier Nazir und seine schwangere niederländische Frau Kimmy sind frisch verheiratet. Überrascht von den Aufständen des Arabischen Frühlings 2011 in Tunesien wollen sie das Land so schnell wie möglich verlassen. Doch nur Kimmy darf ausreisen, Nazir kann kein Visum vorweisen und auch die Heiratspapiere wurden offenbar nicht registriert. Während Kimmy versucht, ihrem Mann von den Niederlanden aus zu helfen und zunächst ohne Unterstützung ihrer Mutter alleine mutig gegen die Bürokratie ankämpft, lässt sich Nazir von seinem besten Freund Rafaël überreden, das Mittelmeer mit einem Flüchtlingsboot zu überqueren. Sie stranden auf der Insel Lampedusa, landen in einem Lager für Flüchtlinge – und werden unter falschen Versprechungen nach Tunesien zurückgeflogen. Beim zweiten gemeinsamen Fluchtversuch ertrinkt Rafaël, Nazir wird wieder ins Lager gesteckt. In ihrer Verzweiflung fliegt die inzwischen hochschwangere Kimmy selbst nach Lampedusa, um ihren Mann herauszuholen, doch die „Regeln“ gestatten es angeblich nicht, ihn nach Hause mitzunehmen. Einige gerade im Flüchtlingslager arbeitende Reporter werden auf ihren Fall aufmerksam. Doch obwohl ihre Geschichte nun um die ganze Welt geht, scheint niemand ihr und ihrem Mann wirklich helfen zu können – oder zu wollen.
Der niederländische Regisseur Ben Sombogaart verfilmte die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte nach dem Roman „Rafaël – Eine Liebesgeschichte“ von Christine Otten.

Hauptfiguren / Protagonisten

Kimmy:
Die junge Niederländerin ist frisch verheiratet mit dem Tunesier Nazir und erwartet von ihm ein Kind. Inmitten der Wirren des Arabischen Frühlings möchte sie mit Nazir in ihre Heimat zurückkehren. Nach dem Scheitern dieser Pläne versucht sie mit allen Mitteln, hohem persönlichen Risiko und ohne jegliche Unterstützung, Nazir freizubekommen.

Nazir:
Der mit Kimmy verheiratete Nazir betreibt zusammen mit seinem besten Freund Rafaël eine Strandbar. Das unbeschwerte Leben findet mit dem Arabischen Frühling ein jähes Ende. Er darf nicht zusammen mit seiner Ehefrau ausreisen, wagt die Flucht über das Mittelmeer und wird in Italien auf unbestimmte Zeit in ein Lager gesteckt.

Rafaël:
Nazirs bester Freund ist mindestens so unpolitisch wie Nazir, ein infantiler Spaßvogel und für jedes Abenteuer mit Frauen zu haben. Er überredet Nazir, mit ihm über das Mittelmeer nach Europa zu flüchten. Seinen Mut bezahlt er beim zweiten Versuch mit dem Leben. Kimmy und Nazir benennen später ihren Sohn nach ihm.

Annet:
Kimmys Mutter, die als Pflegerin in einem Krankenhaus arbeitet, kann ihr Missfallen gegenüber der Heirat ihrer Tochter mit einem Tunesier zunächst kaum verbergen. Nicht einmal den Namen von Nazir will sie sich merken. Sie wandelt sich, als sie erkennt, wie ernst es ihrer Tochter wirklich ist und unterstützt sie dann mit vollem Einsatz.

Darüber hinaus treten am Anfang nur wenige Helfende und Unterstützende auf, stattdessen eine Vielzahl von Antagonisten vom Wachpersonal bis zu den überwiegend männlichen Vertretern der Bürokratie und der Politik in Italien und den Niederlanden. JournalistInnen aus vielen Ländern greifen jedoch später den Fall auf und machen ihn weltweit publik.

Hintergrundinformationen

Wie der Untertitel der Romanvorlage bereits verrät, handelt der Film von einer ganz persönlichen „Liebesgeschichte“, die nicht etwa aus persönlichem Verschulden, sondern allein aufgrund der gesellschaftspolitischen Hintergründe eine schwere Krise durchläuft. Diese subjektiv-persönliche Liebesgeschichte lädt in ihrer Dramatik und der ungerechten Behandlung des frisch verheirateten Liebespaares zur schnellen Identifikation ein und macht unmittelbar betroffen. So individuell diese Geschichte auch sein mag, verweist sie doch zugleich auf das Schicksal Tausender von Bootsflüchtlingen über das Mittelmeer, auf typische Reaktionen und Verhaltensweisen von zuständigen Behörden sowie insgesamt auf die Migrationspolitik in Europa der letzten Jahre.

Der Arabische Frühling

Auf den ersten Blick mag es den Zuschauer irritieren, dass der Film nur sehr kurz auf den politischen Hintergrund der Geschichte eingeht mit Bildern einer ausrückenden Hundestaffel der Polizei und Demonstranten auf der Straße, die von der Polizei niedergeknüppelt werden.
Gleich in der nächsten Szene sieht man die drei Protagonisten Kimmy und Nazir mit Rafaël am Steuer, wie sie in einem Auto mitten in der Nacht den Flugplatz von Sousse, der drittgrößten Stadt in Tunesien etwa 100 km südöstlich von Tunis, zu erreichen suchen und von einer aufgebrachten Menschenmenge an der Weiterfahrt gehindert werden. Diese chaotische Szene ermöglicht einen unmittelbaren spannenden Einstieg in die Geschichte und verweist direkt auf die augenblickliche Gefühlslage der Figuren. Sie geraten in Panik, fühlen sich in dieser Situation überfordert und wissen genauso wenig wie die Zuschauenden, was auf den Straßen gerade vor sich geht. Von den Ereignissen des Arabischen Frühlings haben sie in ihren Flitterwochen wohl zumindest so viel mitbekommen, dass sie das Land in unsicheren Zeiten möglichst schnell verlassen wollten, zumal Kimmy schwanger war.
Der Arabische Frühling, auf den der Film im weiteren Verlauf nur noch kurz anhand der Geräuschkulisse ferner Schüsse eingeht, war also nicht der eigentliche Grund der geplanten Ausreise, sondern lediglich der leicht nachvollziehbare Auslöser. Der Film lässt trotz der bedrohlichen Situation in der Eingangssequenz allerdings offen, ob ein gemeinsames Leben in Tunesien nicht auch möglich gewesen wäre und ob Kimmy und Nazir sich darüber überhaupt Gedanken gemacht haben. Offenbar hatten sich weder Nazir noch Rafaël politisch betätigt. Sie konnten daher in Italien auch kein Asyl als politische Flüchtlinge beantragen. Diese Thematik bleibt im Film ganz ausgespart. „Rein rechtlich“ gesehen war – ohne Berücksichtigung der besonderen Umstände – die Abschiebung in ihr Heimatland auch kein Verstoß gegen herrschende Gesetze, denn obwohl auch Deutschland und andere europäische Staaten 2011 vorübergehend eine Reisewarnung für Tunesien ausgesprochen hatten, entwickelte sich das Land nach einer Übergangsregierung schnell zu einem demokratisch geführten Vorzeigestaat in der arabischen Welt, galt daher also als „sicheres Herkunftsland“. Im Zuge der nur kurze Zeit dauernden Revolution kam es gleichwohl zu einer Auswanderungswelle vorwiegend junger Männer nach Europa. Auf Lampedusa landeten allein binnen vier Tagen mehr als 5.000 Menschen, was den italienischen Innenminister damals bewog, den Notstand auszurufen.
Festzuhalten bleibt, dass sich die Geschichte von Kimmy und Nazir nur bedingt mit den Schicksalen anderer MigrantInnen vergleichen lässt: Kimmy ist Niederländerin und offiziell mit Nazir verheiratet. Wären die Heiratspapiere bei den zuständigen Stellen in Tunesien vorschriftsmäßig registriert worden, hätte Nazir wohl auch ein Visum zur Ausreise erhalten. Aber so kam es ganz anders.

Arabischer Frühling
„(…) Der Arabische Frühling hätte ohne die Ereignisse in Tunesien kaum stattgefunden. In Tunesien wuchsen sich lokale Unruhen mit wirtschaftlichem Hintergrund innerhalb weniger Wochen zu einem Volksaufstand aus und gipfelten am 14. Januar 2011 in der Flucht von Präsident Zine El Abidine Ben Ali. Direkter Auslöser der Unruhen war Mitte Dezember 2010 die Selbstverbrennung eines jungen Mannes ohne berufliche Perspektiven (Anm. der Red.: des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi) in der vom Staat vernachlässigten Provinz Sidi Bouzid. Es folgten landesweite Solidaritätskundgebungen tausender, vor allem gut ausgebildeter arbeitsloser Jugendlicher. Versuche des Regimes, die Proteste brutal nieder zu schlagen, bewirkten das Gegenteil: In kürzester Zeit schwappten die Kundgebungen in die Hauptstadt über und wandelten sich innerhalb von Tagen zu einem Volksaufstand gegen das Regime Ben Ali.

Die Demonstrierenden prangerten die Bereicherung und Korruption der herrschenden Familie an und forderten schließlich in der zweiten Januarwoche offen den Rücktritt des seit 23 Jahren mit eiserner Hand regierenden Präsidenten. (…)
Entscheidend dafür, dass Tunesien als erstes arabisches Land den Sturz eines Diktators durch das Volk erlebt hat, war das Zusammenwirken spezifischer politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktoren.
Erstens haben die wachsenden sozioökonomischen Probleme die Achillesferse des Regimes getroffen. Ben Ali konnte seine Herrschaft lange über den vergleichsweise hohen Lebensstandard der tunesischen Bevölkerung legitimieren. Doch seine Strategie, politische Freiheiten durch relativen Wohlstand zu ersetzen, ging in den vergangenen Jahren immer weniger auf. (…)
Zweitens gab es in Tunesien kaum politische Ventile, über die sich die Frustration der Bevölkerung "dosiert" hätte entladen können. Die Presse gehörte zu den unfreisten der Welt; Polizei und Geheimdienst unterbanden sämtliche Aktivitäten und Versammlungen mit regimekritischem Anstrich. (...)
Drittens ist Ben Ali die Konzentration der politischen und ökonomischen Macht bei seiner Person und seiner Familie zum Verhängnis geworden. Durch die Personalisierung des tunesischen Systems konnte er die Verantwortung für soziale Ungerechtigkeit, Korruption oder die Brutalität der Sicherheitskräfte nicht einfach auf andere abschieben. Entsprechend bewirkte die Entlassung von Gouverneuren oder Ministern während der Unruhen keine Beruhigung der Lage.
Nicht zuletzt lässt sich der Erfolg des tunesischen Aufstands mit der Beschaffenheit der tunesischen Gesellschaft erklären. Diese ist ethnisch und konfessionell homogen, verfügt über eine breite Mittelschicht und ist insgesamt gebildet und modern – nicht zuletzt aufgrund der geographischen Nähe und den engen Verbindungen zu Europa.“
Quelle: https://www.bpb.de/internationales/afrika/arabischer-fruehling/52395/tunesien

Europäische Migrationspolitik und Menschenrechte

Ganz anders als bei den persönlichen Lebensumständen verhält es sich mit dem, was Nazir auf seiner Flucht über das Mittelmeer und in den beiden Camps erlebt und welche Erfahrungen er und seine Frau mit den Behörden und der europäischen Flüchtlingspolitik machen. Diese Erfahrungen sind eher exemplarischer Natur und lassen sich auf viele weitere Schicksale übertragen. Allerdings darf dabei nie aus den Augen verloren werden, dass Romanvorlage und Film klar im Jahr 2011 verortet sind. Aktuelle Entwicklungen in der EU-Flüchtlingspolitik können ihm daher nicht einfach übergestülpt werden, sondern sind allenfalls als Folge einer langen Kette von weiteren Ereignissen zu sehen. Und obwohl überall im Mittelmeer Flüchtlinge ertrinken, lässt sich die östliche Mittelmeerroute (Balkanroute) über die Türkei und Griechenland, über die in den Jahren 2015 und 2016 so viele Asylbewerber*innen nach Europa gekommen sind wie nie zuvor, auch nicht mit der westlichen Mittelmeerroute gleichsetzen, die von den nordafrikanischen Staaten vor allem nach Italien und Spanien führt.

Trotz aller Bemühungen der Europäischen Union haben sich viele Missstände in Bezug auf die Situation von Bootsflüchtlingen und ihre Behandlung seit 2011 offenbar nicht grundlegend verändert. Die wichtigsten Kritikpunkte werden im Film klar benannt. Diesem gelingt es auf diese Weise, auf die entsprechenden Probleme anhand der emotional berührenden Geschichte eine breitere Öffentlichkeit aufmerksam zu machen, insbesondere:

  • Die Gründe für eine Flucht sind sehr unterschiedlich und lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Jeder Einzelfall muss daher immer genau geprüft werden.
  • Die Überfahrt über das Mittelmeer in einem einfachen Boot ist immer lebensgefährlich und wie im konkreten Fall häufig von Katastrophen überschattet. Die Entfernung zwischen Sousse, dem im Film anfangs erwähnten Wohnort von Nazir, und Lampedusa beträgt knapp 140 km offenes Meer. Ein Insert am Ende des Films verweist darauf, dass seit Beginn des Arabischen Frühlings mehr als 18.000 Flüchtlinge im Meer ertrunken sind.
  • In den Auffangcamps der Erstaufnahmestaaten ist die humanitäre Unterstützung unzureichend und es fehlen dauerhafte Perspektiven. Nicht selten werden die Schutzsuchenden sogar offen belogen, wie Nazir, der sich einem Carabiniere als Dolmetscher anbietet und seinen Landsleuten vermitteln soll, dass sie alle bald nach Mailand geflogen werden. In Wirklichkeit wurde damit aber die Abschiebung ins Herkunftsland vorbereitet.
  • So wie Nazir mehrfach unter Gewalteinsatz von seiner Ehefrau getrennt wurde, werden auch neu ankommende Familien willkürlich auseinandergerissen. Nazir setzt sich gegen seinen eigenen Vorteil aktiv für eine dieser Familien ein und schlägt einen Carabiniere nieder, der ihn vorher schon mit schönen Versprechungen hinters Licht geführt hatte.
  • Internationale Organisationen und NGOs dokumentieren immer wieder zum Teil gravierende Verletzungen der Rechte dieser Menschen in den Auffanglagern, in denen es zudem an juristischer und moralischer Hilfe mangelt. Zugleich berufen sich die Verantwortlichen gerne auf das Gesetz, wie der Beamte, der Kimmy und Nazir mit den Worten abspeist: „Ich mache nur meine Arbeit, so sind die Regeln.“
  • Zugleich wird die eigene Verantwortung grundsätzlich abgestritten: „So sind die Regeln, es ist nicht meine Entscheidung!“ Diese Hinhaltetaktik, oft gepaart mit leeren Versprechungen, findet sich nicht nur auf unterer Ebene, sondern bis in höchste politische Kreise hinein. Unter dem Vorwand der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates schieben sich Italien und die Niederlande im konkreten Fall gegenseitig die Verantwortung zu. Geraten wird den Betroffenen stattdessen, abzuwarten und den offiziellen Weg zu gehen, der sich dann aber als Sackgasse  erweist.
  • Viele der in den Camps untergebrachten Menschen, darunter auch Nazir, fühlen sich als „Abschaum“ behandelt. Ein Schwarzer im Flüchtlingscamp auf Sizilien drückt das nach dem Selbstmord eines anderen Flüchtlings mit den Worten aus: „Wir gehören nirgendwohin, weder in Europa noch zuhause. Es ist so, als wären wir Abschaum.“

Der EU-Kommission sind diese Missstände im Prinzip bekannt. Sie versucht dem gegen-zusteuern vor allem mit einem konsequenten Vorgehen gegen Schleuser, der Bekämpfung von Fluchtursachen in den Herkunftsländern und dem Ausbau der Zuwanderungsmöglich-keiten für Arbeitskräfte aus Drittstaaten. Bislang konnten sich die EU-Staaten aber noch nicht über einen gerechten Verteilungsschlüssel bei den Flüchtlingen einigen. Abgesehen davon ging es im Fall von Nazir und Kimmy eigentlich nur darum, dass die Heirat zwischen den Beiden von offiziellen Stellen anerkannt wird und Nazir sein Visum erhält. Und seine Motivation für die Flucht über das Mittelmeer lag vor allem darin, die Geburt seines Kindes persönlich miterleben zu wollen. Am Ende gibt der Film der ungerechten Behandlung von Nazir sowie der Ignoranz gegenüber Kimmy und ihrer Schwangerschaft am Ende empörten Ausdruck in einem solidarischen Akt der im Camp Eingesperrten. Das wird künstlich überhöht in Zeitlupe gezeigt, um das Besondere dieser Aktion hervorzuheben.

Im Abspann zitiert Kimmy in stark verkürzter Form dann noch eine Auswahl der 30 Artikel der Menschenrechte, die im Fall von Nazir und ihr mit Füßen getreten und verletzt wurden.

Dubliner Übereinkommen und Gemeinsames Europäisches Asylsystem (GEAS)
„Das D. ist ein völkerrechtlicher Vertrag, der regelt, welcher Staat für die Prüfung eines in der EU gestellten Asylantrags zuständig ist. Er trat am 1.9.1997 in Kraft und wurde am 17.3.2003 durch die Dublin-Verordnung (Dublin II) abgelöst. Das D. flankiert das Schengen-Abkommen (Wegfall von Personenkontrollen an den EU-Binnengrenzen). Laut D. ist immer nur ein EU-Staat für ein Asylverfahren zuständig, damit nicht gleichzeitig oder nacheinander in mehreren EU-Staaten Asylanträge gestellt (...) bzw. gezielt Staaten zur Antragstellung ausgesucht werden können. Welcher Staat zuständig ist, regeln feste Kriterien. Grundsätzlich hat derjenige Mitgliedstaat den Asylantrag zu prüfen, in den der Asylbewerber zuerst eingereist ist. (…) Im Zuge der sog. Flüchtlingskrise (seit 2015) wurden die Schwachstellen der Dublin-Regeln deutlich, und es setzte eine Debatte ein über eine Reform des Systems.“
Quelle: https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/das-europalexikon/176798/dubliner-uebereinkommen

„Trotz zahlreicher Einigungsversuche konnten sich die EU-Mitgliedstaaten bis zum Ende der Legislaturperiode im Frühjahr 2019 nicht auf eine Reform der gemeinsamen Asylpolitik einigen. In den zurückliegenden Jahren wurden lediglich Maßnahmen des Außengrenzschutzes (Anm. d. Red.: insbesondere Mittelaufstockung und Befugnisse der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache FRONTEX) und der erweiterten Kooperation mit Transitstaaten beschlossen. Die Verabschiedung mehrerer Richtlinien und Verordnungen zur Reform des GEAS, inklusive des Ausbaus des Europäischen Asylunterstützungsbüros (EASO), wurde bis zum Ende der Legislaturperiode im Frühling 2019 blockiert, obwohl in vielen Punkten Einigung erzielt wurde. Eine der zentralen Aufgaben für die neue Legislaturperiode ist somit eine Einigung bei der Dublin-Verordnung, an die mehrere Staaten ihre Zustimmung zum Gesamtreformpaket der GEAS-Reform geknüpft haben. Die deutlich gesunkenen Zahlen neu in der EU ankommender Flüchtlinge lassen die Krise der Migrations- und Flüchtlingspolitik in der öffentlichen Wahrnehmung zwar etwas in den Hintergrund treten. Es bestehen jedoch weiterhin große Herausforderungen in Flüchtlingsschutz und Asylpolitik.“
Quelle: https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/252329/europaeische-migrationspolitik?p=all

Die Menschenrechte (formuliert von der Hauptfigur Kimmy im Abspann)

  • Jeder ist frei und mit gleichen Rechten geboren.
  • Die Menschenrechte gelten, egal wer oder wo du bist.
  • Du hast das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit.
  • Sklaverei ist verboten. Folter ist verboten.
  • Du hast das Recht auf Anerkennung vor dem Gesetz.
  • Gesetze sind für alle gleich.
  • Wenn du ungerecht behandelt wirst, musst du Rechtsschutz erhalten.
  • Du kannst nicht grundlos eingesperrt oder deportiert werden.
  • Du hast das Recht auf einen fairen Prozess mit einem unabhängigen Richter.
  • Du bist unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils.
  • Du hast das Recht auf Privatsphäre und den Schutz deines Ansehens.
  • Du kannst dich in deinem eigenen Land frei bewegen.
  • Du kannst jedes Land verlassen, auch dein eigenes.
  • Wenn deine Menschenrechte bedroht sind, kannst du in einem anderen Land Asyl suchen.
  • Du hast das Recht auf eine Nationalität.
  • Du kannst heiraten, wen du willst und eine Familie gründen.
  • Du hast das Recht auf Eigentum. Niemand kann es dir einfach wegnehmen.
  • Du kannst deine Religion oder deinen Glauben wählen und danach leben.
  • Du kannst deine Meinung ausdrücken und Informationen von überall beziehen.
  • Jeder kann an Wahlen teilnehmen und sich wählen lassen.
  • Du hast das Recht auf soziale Sicherheit.
  • Du hast das Recht auf Bildung.
  • Du hast das Recht, Kunst und Kultur zu genießen.
  • Menschenrechte sind die Basis von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden
  • Menschenrecht sind für alle verbindlich.
  • Für Regierungen, jeden einzelnen und die Gesellschaft.

Alle 30 Artikel der Menschenrechte in ihrem Wortlaut auf Deutsch finden sich unter:
https://www.menschenrechtserklaerung.de/die-allgemeine-erklaerung-der-menschenrechte-3157/

Würdigung und Kritik

Der Film- und Fernsehregisseur Ben Sombogaart, 1947 in Amsterdam geboren, wurde nach seinem Filmstudium zunächst durch Kinder- und Fernsehfilme bekannt, darunter „Mein Vater wohnt in Rio“ (1989), „Das Taschenmesser“ (1992) und „Der Junge, der nicht mehr sprechen wollte“ (1996). Internationale Aufmerksamkeit erhielt er mit Filmen wie „Die Zwillinge“ (2002) und „Kreuzzug in Jeans“ (2006). Seinen Film „Rafaël“ (2018) drehte er für 2,8 Mio. Euro nach der Romanvorlage von Christine Otten komplett in Kroatien, bis auf einen Drehtag in Den Haag.

„Rafaël“ setzt ganz bewusst auf Dramatisierung und Emotionen, um das Publikum anzusprechen. Die Stimmungslagen der Figuren werden von der Filmmusik unterstrichen, wenn auch im Vergleich zu amerikanischen Mainstreamfilmen noch unaufdringlich. Viele mit der Handkamera gedrehte Szenen tragen ebenfalls zur Emotionalisierung bei und rücken die Hauptfiguren stets in den Mittelpunkt. Der Film beruht zwar auf realen Ereignissen, doch das monatelange Tauziehen um Nazirs Ausreise wurde stark verdichtet und zugespitzt auf wenige besonders dramatische Situationen. Kimmys Schwangerschaft, die wiederholt in Gefahr gerät, ihr Kind zu verlieren, durchzieht den Film wie ein roter Faden. Zugleich dient sie als als Zeitmesser über die Monate des Wartens hinweg und als Gradmesser der Unmenschlichkeit. Kimmy, die auch als Off-Erzählerin der Geschichte fungiert, setzt jedoch nie auf Mitleid oder pflegliche Sonderbehandlung. Entschieden tritt sie den Einwänden der besorgten Mutter mit den Worten entgegen: „Ich bin schwanger, aber nicht krank!“
In der Montage stechen zwei Besonderheiten hervor: Zum einen arbeitet der Film wiederholt mit starken Kontrasten und Rückblenden auf das Leben des Paares vor den Unruhen des Arabischen Frühlings. Während die Gegenwart oft in dunklen Farben dargestellt ist, die Unsicherheit, das Gefühl von Enge erzeugen und diffuse Bedrohung signalisieren, ist die Vergangenheit, hell, bunt und vollkommen unbeschwert, aus der positiven Erinnerung heraus fast schon überbelichtet. Einige Szenen der filmischen Gegenwart sind dagegen so im Halbdunkel belassen, dass nicht immer klar zu erkennen ist, was gerade vor sich geht, was in der betreffenden Situation exakt dem Gefühl der Hauptfiguren entspricht.
Sobald diese auf dem Weg zum Flugplatz gewaltsam voneinander getrennt werden, wird die Geschichte in einer Art Parallelmontage weitererzählt, mal aus der Sicht von Nazir, dann wieder aus der von Kimmy. Auch dieses Prinzip kommt wiederholt zum Einsatz, was nicht nur der Spannungssteigerung dient, sondern auch Gefühle von Nähe und Distanz anklingen lässt, dem Wechselbad der sehr verschiedenen Gefühle entspricht, die Nazir und Kimmy durchlaufen. Als Kimmy beispielsweise ihren Mann ausfindig gemacht hat, macht sie sich voller Vorfreude auf den Weg nach Lampedusa, während er sich beschämt und geknickt in eine graue Decke hüllt, nachdem er seinen Freund verloren hat und ein mitreisender Bootsflüchtling ihm vorwarf, er sei mitschuldig am Tod seiner Tochter.
Ein weiteres Stilprinzip ist die elliptische Erzählweise. Viele Nebenstränge der Handlung werden nur angerissen und nicht auserzählt. Beispielsweise lässt ein älteres Ehepaar, das ebenfalls aus Tunesien ausreisen möchte, Kimmy hinten in ihren Wagen einsteigen. Nach einem harten Schnitt ist sie dann bereits in den Niederlanden angekommen. Da solche Auslassungen konsequent den gesamten Film durchziehen, kann dies nur mit Absicht erfolgt sein. Die Zuschauenden sind trotz ihres emotionalen Eingebundenseins aufgefordert, sich die fehlenden Szenen selbst auszumalen und sich zugleich Gedanken darüber zu machen, was gerade passiert ist, was offenbar schief läuft und was sich demnach ändern muss.

Didaktische Hinweise

Der Film lässt sich in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit ab ca. 14 Jahren gut einsetzen, selbstverständlich auch in der Erwachsenenbildung zu Flüchtlingsaspekten, zu den Themen Migration und Menschenrechte und allgemein zu Recht und Gerechtigkeit.

Es ist eine große Stärke des Spielfilms, dass er unmittelbar die Gefühle anspricht, zur Identifikation einlädt und klar Partei für die beiden Protagonisten ergreift. Bei Bedarf müssen einige Hintergrundinformationen im Gespräch nachgeliefert werden, wobei die Frage erlaubt sein muss, ob sie wirklich unabdingbar sind, um die Handlung insgesamt zu verstehen. Der starke emotionale Zugang eröffnet die Chance, diese Emotionen in der Nachbearbeitung aufzugreifen und unmittelbar für das Gespräch zu nutzen, statt gleich auf eine rein sachliche und themenbezogene Ebene umzuschwenken.

Natürlich besteht immer die Gefahr, dass das Publikum in einem Film nur das sehen kann und will, was dem eigenen Weltbild und der eigenen vorgefassten Meinung entspricht. Hier sollte man angesichts der gegenwärtigen Polarisierung der Gesellschaft in Deutschland darauf gefasst sein, dass in der Diskussion womöglich auch Vorurteile und Klischees zum Ausdruck gebracht werden, etwa über die „schleppende Bürokratie“ der Italiener, die naiv-aufdringliche Libido von Rafaël, der selbst im Flüchtlingscamp nur ans „Liebe machen“ denken kann, oder die nicht immer reflektierte Impulsivität von Nazir, der seine Gefühle deutlich weniger unter Kontrolle hat als Kimmy. Sie ermahnt ihn gar, nach seiner Flucht aus dem Camp wieder zurück ins „Gefängnis“ zu gehen, weil er sonst nicht aus Lampedusa wegkommen werde. Zugleich betont sie aber, dass sie und er weder Kriminelle noch Flüchtlinge seien und als miteinander Verheiratete ein normales Leben verdienen. Solange aufgrund ihres „Sonderfalls“ die allgemeine Verletzung der Menschenrechte und das Schicksal der anderen Bootsflüchtlinge nicht vollkommen in den Hintergrund rücken, sollten auch mögliche Klischeevorstellungen offen diskutiert werden. Man kann dem Film umgekehrt sogar zugutehalten, dass er auch solche Klischees aufgreift, statt eine allzu geschönte Realität zu entwerfen.

Impulsfragen (Auswahl):

  • Welche Gefühle weckt der Film unmittelbar nach dem Sehen?
  • Wieso erfährt man im Film nicht mehr über den Arabischen Frühling?
  • Welche dramaturgische Funktion erhält die Schwangerschaft von Kimmy? Warum ist diese so wichtig für den Fortgang der Handlung (siehe Eingangssequenz)?
  • Hätten Kimmy und Nazir nicht auch in Tunesien bleiben können, zumal die Strandbar recht erfolgreich betrieben wurde? Was hat sie letztlich zur Ausreise bewogen?
  • Trägt der Film an einigen Stellen etwas zu dick auf oder wirken im Gegenteil alle Szenen sehr realitätsnah?
  • Warum reagiert Kimmys Mutter auf die Heirat ihrer Tochter zunächst ablehnend?  Warum ändert sie später ihre Meinung und ihre Haltung?
  • Im Flüchtlingscamp nähert sich ein kleines Mädchen Kimmy und küsst sie spontan. Warum macht sie das vielleicht und was will der Film mit dieser kurzen Szene ausdrücken (siehe hierzu auch die Folgeszene)?
  • Warum „musste“ Rafaël im Film sterben? (Die Frage bezieht sich nicht auf die konkreten Umstände seines Todes). Welche Gefühle hat dieser Tod ausgelöst?
  • Wie wird das Wachpersonal in den Flüchtlingscamps dargestellt?  Sind das alles nur „Unmenschen“?
  • In welchen Szenen des Films werden Menschenrechte eindeutig verletzt? Und welche sind das?
  • Inwieweit gelingt es dem Film, (mehr) Verständnis und Empathie für die Situation von (Boots-)Flüchtlingen zu wecken?

Literaturhinweise und Links

  • Rafaël – een liefdesgeschiedenis (niederländisch), Christine Otten; Verlag Atlas Contact, 2018
  • Die Grenz- und Asylpolitik der Europäischen Union, Domenica Dreyer-Plum, UTB, 2020
  • Lampedusa – Afrikas Hoffnung, Europas Scheitern: Asylpolitik zwischen Willkommenskultur und Festung Europa, Marcus Kasten, GRIN Verlag 2014
  • Chaos – Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen, Gilles Kepel, Kunstmann Verlag 2019
  • Zehn Jahre Arabischer Frühling – Eine Bilanz, Hrsg.: Franz Maget, Volk Verlag 2020
  • In Afrika – Reise in die Zukunft, Alex Perry, Verlag S. Fischer 2016
  • bpb-Dossier zum Thema Arabischer Frühling; Dr. Isabella Werenfels
  • www.bpb.de/internationales/afrika/arabischer-fruehling/52395/tunesien
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Revolution_in_Tunesien_2010/2011
  • bpb-Artikel zum Dublin-Übereinkommen
    www.bpb.de/nachschlagen/lexika/das-europalexikon/176798/dubliner-uebereinkommen
  • bpb-Dossier zum Thema Migration; Marcel Berlinghoff
    www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/252329/europaeische-migrationspolitik?p=all
  • bpb-Länderprofil zur Europäischen Asyl- und Flüchtlingspolitik seit 2015; Marcus Engler
    www.bpb.de/gesellschaft/migration/laenderprofile/290977/europaeische-asyl-und-fluechtlingspolitik-seit-2015
  • www.menschenrechtserklaerung.de/die-allgemeine-erklaerung-der-menschenrechte-3157/

Film- und Medienhinweise

  • Die Piroge (La pirogue)
    Regie: Moussa Touré
    Frankreich, Senegal 2012, Spielfilm, 87 Min., OmU
    Bezug DVD: EZEF
  • Life Saraaba Illegal
    Regie: Peter Heller, Saliou Sarr und Bernhard Rübe
    Deutschland, Spanien 2016, Dokumentarfilm, 90 Min., OmU
    Bezug DVD: EZEF
  • Das Rauschen des Meeres
    Regie: Ana Rocha Fernandes, Torsten Truscheit
    Deutschland 2012, Kurzspielfilm, 26 Min., OmU
  • Eine Giraffe im Regen (Une girafe sous la pluie)
    Regie: Pascale Hecquet
    Belgien, Frankreich 2007, Animation, 12 Min., ohne Worte
    Beide Filme sind Teil der Thematischen DVD mit sechs Filmen und Unterrichtsmaterialien
    „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ – Filme zum Thema Migration“
    Bezug DVD: EZEF
  • Making of - Kamikaze
    Regie: Nouri Bouzid
    Deutschland, Tunesien, Marokko, Frankreich 2006, Spielfilm, 115 Min., OmU
    Bezug DVD: EZEF
  • Seefeuer (Fuocoammare)
    Regie: Gianfranco Rosi
    Italien, Frankreich 2016, Dokumentarfilm, 90 Min., OmU
    Bezug DVD: www.weltkino.de

siehe auch Website des KJF zu „Migration im Film“: www.migration-im-film.de/

10/2020
Autor: Holger Twele
Redaktion: Bernd Wolpert