Arbeitshilfe

To see if I'm smiling

Um zu sehen, ob ich lächle

Ein Film von Tamar Yaron
Israel 2007, 60 Min., OmU

InhaltSechs junge Frauen sprechen in Tamar Yaroms Dokumentarfilm "To see if I am smiling - Um zu sehen, ob ich lächle" zum ersten Mal öffentlich und ohne Verklärung über ihren Dienst in der israelischen Armee. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in den sogenannten „Besetzten Gebieten“, den palästinensischen Territorien Gaza-Streifen, Westbank und Golanhöhe, die unumgängliche Wehrpflicht ihres Landes abgeleistet haben. Nur der Grad ihrer Ernüchterung, ihrer Verbitterung, ihrer Selbsterkenntnis und ihres Selbstekels differiert. Im Mittelpunkt der schonungslosen Auseinandersetzung mit den eigenen Taten und der vertrackten politischen Konstellation in den Besetzten Gebieten steht eine systematische Überforderung. Eingezogen mit 18 Jahren, wird diesen jungen Leuten die Verantwortung über Leben und Tod aufgebürdet. Oftmals über ihr Leben und den Tod der Anderen, der Palästinenser.
Die Tätigkeiten, die die Frauen ausübten und die Art und Weise, wie ihre Erinnerungen sich ergänzen, offenbaren einen prekären Zusammenhang. Von Meytal, der Sanitäterin, die Leben retten wollte, bis zu Combat Soldier Libi, die im Kampf gegen aufgebrachte Palästinenser einen Jungen erschießt, gibt es eine direkte Linie. Diese Verbindungslinie schlägt einen Bogen zu der Gewissenserforschung vier weiterer Frauen und bildet letztlich einen Teufelskreis von staatlich verlangter Selbstverleugnung und individueller Verdrängung, der in diesem Film erstmals von Frauen aufgebrochen wird.
Neben Meytal und Libi kommen die Beobachterin Rotem zu Wort, Inbar von den Bodentruppen, Dana, die als Education Officer Mobbing und Plünderung vereiteln sollte und Tal. Tal, die wie die Regisseurin Tamar Yoram Welfare Officer war. Als Welfare Officer sorgte Tamar Yoram für die Logistik der Truppen-Versorgung, von Alltagsgütern bis zu Vergnügungsangeboten. Als Regisseurin registriert sie die Mangel-Erscheinungen, unter denen ihrer Interviewpartnerinnen leiden: Ein persönlicher Mangel an Schlaf, ein kollektiver Mangel an Aufmerksamkeit. Bevor die Frauen sich dazu entschlossen, ihre Beichte, ihre Therapie, ihre Anklage in eine Kamera zu sprechen, haben alle über Jahre hinweg vergeblich versucht, sich ihren Familien, Freunden und Kollegen mitzuteilen.
Die Aufgabenbereiche der Frauen, die Härte, die ihnen abverlangt wurden, die Akte mangelnder Armee-Courage und abtrainierter Zivil-Courage erstrecken sich über ein weites Feld. Freimütig rekonstruieren die Frauen den Zwang, in einer von Macho-Männern dominierten Truppe zu bestehen. Oder sich im politischen und realen Wirrwarr der Besetzten Gebiete auf eine Seite zu schlagen: Auf die Seite derer, die glauben, nie wieder ein jüdisches Opfer zu sein, hieße, zum israelischen Täter werden zu müssen.
Sie schildern, was es für sie bedeutet, als Feind wahrgenommen zu werden. Was es heißt, Macht über jene zu haben, die dem jüdischen Volk mit Antisemitismus und Hass begegnen. Aber auch, was es bedeutet, sich diesen Hass durch Enteignung, Vertreibung und Demütigung zu verdienen. Sie sprechen vom Machtmissbrauch ihrer Vorgesetzten, von Korruption, Folter, Plünderungen und der internen Einschüchterungen derer, die gegen diese weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen protestieren. Sie erläutern wie schnell es geht, der Macht zu verfallen. Zu töten, zu entmenschlichen. Wie eng die Entmenschlichung des als Terrorist verstandenen Anderen im doppelten Sinne mit der Aufgabe der eigenen Menschenwürde verbunden ist. Wie leicht es ist, abzustumpfen und wie wenig man sich dabei darauf verlassen kann, dass Frauen einfach die besseren Menschen sind.
Diese Erkenntnis holt die Erzählenden vor laufender Kamera ein und offenbart ein Trauma, dass es offiziell in Israel gar nicht geben darf. Das Trauma, in sich Dämonen zu entdecken, die man immer den Anderen, seien sie Nazideutsche oder arabische Fundamentalisten, zugeschrieben hat.
Archivmaterial aus den Beständen von Fernsehsendern, aber auch Aufnahmen aus Überwachungskameras, ergänzen neben privaten Videobildern die Aussagen der Frauen und konfrontieren den Betrachter zum Beispiel mit Bildern von palästinensischen Terroranschlägen in Jerusalem. Doch es gibt auch andere Gründe für die Okkupation der palästinensischen Gebiete, aus denen die Selbstmord-Bomber oft kommen. Jüdische Siedler, die in ihrem Rassismus dem arabischen Antisemitismus in nichts nachstehen, beharren seit Jahrzehnten darauf, dass die nach dem Sechs-Tag-Krieg von 1967 besetzten Gebiete schon in der Bibel als jüdisches Stammgebiet beschrieben seien.
Unbestechlich fängt der Film ein, was es für Frauen bedeutet, eine vom Militär vorgegebene Identität ausbilden zu müssen, die Patriotismus mit Kadavergehorsam, Tapferkeit mit Gewalt und Männlichkeit mit Überlegenheit gleichsetzt. Gleichviel, wie naiv oder gesellschaftskritisch die Frauen ihren Dienst angetreten haben, sie alle beschreiben, wie diese zwei Jahre sie physisch und psychisch deformiert haben.

Israels Armee und ihre Kritiker: Von der Kunst des Widerstands

Frauen und Mädchen werden in Bürgerkriegskonflikten dritt-weltweit zwangsrekrutiert. In den USA und in Kanada, in Deutschland und in der Schweiz, können Frauen sich freiwillig verpflichten. Die israelische Armee hat einen einzigartigen verfassungsrechtlichen Auftrag, beide Geschlechter zu rekrutieren. Dieser Auftrag besteht seit der Gründung der israelischen Armee im Mai 1948. Im Unabhängigkeitskrieg von 1947/48, in dem Israel von den Milizen der Arabischen Liga angegriffen wurde, nahmen israelische Frauen aktiv an Kampfhandlungen teil. Später dienten sie „in einer Vielzahl von technischen und administrativen Unterstützungsposten (…). Seit 2005 stehen Frauen 83 Prozent der militärischen Dienstposten offen, inklusive dem Dienst in der Artillerie und auf Kriegsschiffen. Zurzeit dienen etwa 450 Frauen in Kampfeinheiten der Israelischen Sicherheitskräfte“.
Frauen haben ca. zwei Jahre, Männer drei Jahre Wehrpflicht abzuleisten. Das Mindestalter liegt bei 18 Jahren. Verheiratete, schwangere oder nicht-jüdische Frauen sind vom Wehrdienst befreit. Strenggläubige, orthodoxe Frauen werden freigestellt. Für Männer ist es schwierig, sich auf ihr Gewissen zu berufen. Männer, die den Wehrdienst ablehnen, müssen damit rechnen, als Totalverweigerer behandelt zu werden. Ihnen drohen langjährige Haftstrafen, zumindest aber, selbst im Falle eines Ersatzdienstes, die Stigmatisierung durch eine Gesellschaft, die sich auf die Schlagkräftigkeit des „Neuen Hebräer“ gründete. Ausgenommen sind streng orthodoxe Religionsgelehrte und palästinensische Israelis. Männer können bis zu ihrem 42. Lebensjahr jährlich zu einem einmonatigen Reservedienst herangezogen werden. Für Frauen erlischt die Verpflichtung zum Reservedienst nach dem 24. Lebensjahr.
In den letzten Jahren ist die israelische Armee immer häufiger wegen Menschenrechtsverletzungen angegangen worden. Dazu gehören die Anklagen von Amnesty International über den 2006 geführten Krieg gegen den Libanon, in dem –vergleichbar mit dem jüngsten Krieg gegen den von der radikal-islamischen Hamas regierten Gaza-Streifen-, international geächtete Streu- und Phosphorbomben eingesetzt wurden. Aber auch aus den Reihen der israelischen Armee kommt massive Kritik. Unter dem Titel „Warum Israels „Seruvniks“ sagen: genug ist genug“, veröffentlichte der Menschenrechtsanwalt und Strafverteidiger Michael Sfard einen Artikel in The Observer. Seruf heißt Verweigerung.
Fünfzig Soldaten und Offiziere der Reserve erklärten in der Seruf-Petition öffentlich, dass sie sich jedem weiteren Einsatz verweigern würden, „der sie zwingen würde, als aktive Soldaten jenseits Waffenstillstandsgrenzen von 1967 zu agieren.“
Drei Monate später hatten 462 Unterstützer unterzeichnet. Michael Sfard, der selbst den Reservedienst in Hebron verweigert hat, und dafür zu drei Wochen Gefängnis verurteilt worden ist, wurde zum Rechtsbeistand vieler verurteilter Mituntererzeichner. Dass ausgerechnet Elite-Militärs Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Besatzung und an den Methoden der Terrorbekämpfung artikulierten, erregte in den israelischen Medien großes Aufsehen.  Jeder Versuch, sich persönlich integer zu verhalten, so Sfrad sei an der gewalthaltigen Politik der Besetzung gescheitert. Zwar seien Bomben in Kinder- oder Ambulanzwagen versteckt worden, doch das Misstrauen, das israelische Soldaten dazu bringe, „Kinder zu drangsalieren“ oder „eine Ambulanz anzuhalten“4, erzeuge bei den Gemaßregelten exakt jenen Hass, der neue Anwärter fürs vermeintliche Märtyrertum der Selbstmordattentäter hervorbringt. „Die Soldaten geraten auf diese Weise in eine Zwickmühle: die Realität der Okkupation zwingt sie de facto zu unmoralischen Handlungen“.5 Respekt vor dem menschlichen Leben und die Unantastbarkeit der menschlichen Würde, dafür steht die Seruvnik-Petition.

Das Gesicht verlieren. Das Gesicht wahren

Es ist auffällig, dass israelische Spielfilme, aber auch Dokumentarfilme wie Avi Mograbis >Z 32< zu Menschenrechtsverletzungen in der israelischen Armee mit der Gesichtslosigkeit der Zeugen spielen. Sein Gesicht zu verlieren, sein Gesicht zu wahren, das scheint ein männliches Thema zu sein.
Oder? Was sieht man, wenn Frauen unter der Regie einer Frau über Schuld und Scham sprechen?

Würdigung und Kritik

Ein blauer Himmel, ein Jeep in den Tarnfarben des israelischen Militärs. Im Inneren des Jeeps sitzt eine Frau. Nicht, dass man ihr Gesicht sieht, aber das Sturmgewehr, das auf ihrem Schoß liegt, wird von manikürten, beringten Händen gehalten. Die Kamera späht durch ein Wagenfenster und zeigt eine geschwungene Landschaft in verbrannten Ockertönen. Kein Zaun, keine Begrenzung, nur die Straße, die die Frau mit dem Sturmgewehr fortführt. Dies ist die Heimat, die sie hinter sich lässt. Dies ist das Land, das es zu verteidigen gilt.
Jede Frau, die vor Tamar Yorams Kamera Zeugnis ablegt, wird nach einer Weile durch eine eingeblendete Inschrift mit Namen und militärischem Rang vorgestellt.
Kurzhaarig, eher Zigaretten inhalierend denn Luft, sitzt Meytal in ihrem Apartment vor einem hinuntergelassenen Rollo. Das Rollo ist blau und ersetzt einen entschwundenen Himmel. Ein Photoalbum liegt auf dem Schoß der schmalen Gestalt. Idealistisch sei sie gewesen, sagt Meytal und pragmatisch zugleich, deshalb sei sie ein Para-Medic geworden, eine Armee-Sanitäterin. Wie passt diese Gewissheit zu den ersten Worten, die Meytal an ihre unsichtbar bleibende Interviewerin richtet? Dass sie sie das Gefühl habe, verrückt zu sein, dass sie glaube, sich an Dinge zu erinnern, die vielleicht nie passiert seien?
Alles passt nur zu gut in diesem Film der verschobenen, der aufgeschobenen Erinnerungen, die nicht zur Enthüllung gedrängt werden. Es wird dauern, bis die prototypisch Unbekannte des Anfangs ein Gesicht bekommt: Ein Gesicht, das sich aus dem abwehrenden Lächeln der Befragten und den Tränen ihrer späten Erkenntnis zusammensetzt, ein fiktives Gesicht aus sechs Lebenslügen und der Wahrheit des Todes.
Nicht dass die Gesichter von Meytal und ihren Schicksalsgenossinnen anonymisiert würden. Nur halten sie uns lange Zeit jene Art von Antlitz entgegen, das die ultimative Maske ist: Die teilnahmslose Leere schonungsloser Offenheit.
Dieser geduldige Film kennt viele Weisen, Risse in den Masken des Alltags sichtbar zu machen. Tamar Yoram erlaubt sich Eingriffe. Nicht im Gespräch. Aber da ist zum Beispiel der Kamera-Blick in Meytals aufgeblättertes Photobuch. Ein Photo zeigt den Moment, in dem ihre Ausbildung endete. Die Soldaten und Soldatinnen stehen auf einem öffentlichen Platz und werfen in einer streng synchronisierten Choreographie, die zugleich gespielte und wahre Erleichterung zeigt, ihre Mützen in die Luft. Plötzlich kommt Bewegung in Meytals Photo. Es wird durch einen filmischen Spezialeffekt aus dem Rahmen des Albums herausgelöst und füllt nun die Filmleinwand. Das Photo wird zum Film-Bild. Wir erkennen, dass es sich um eine Fernseh-Archivaufnahme handelt, die genau solch einen typisch israelischen Moment festhält. Meytals stillgestellte Photo-Erinnerung bewegt sich aus ihrer Geschichte heraus und nimmt den Charakter einer israelischen Standarderinnerung an. Diese visuelle Durchdringung von privaten Photo-Shots und nationalen Gedächtnis-Bildern, ermöglicht es der Regisseurin, persönlich verstandene Schuld auf ein kollektives Schuldbewusstsein zu übertragen. Und auf ein kollektives Trauma, das in der Regel im israelischen Fernsehen nicht gezeigt wird.
Wenn Meytal über Hebron spricht, taucht eine Szene aus den Besetzen Gebieten auf. Als visuelles Fundstück könnte die Szene sowohl aus israelischen Nachrichtenbildern ausgeklammert worden sein wie aus Amateuraufnahmen. "To see if I am smiling – Um zu sehen, ob ich lächele" beschäftigt sich nicht nur mit der Realität der Besetzten Gebiete, sondern vor allem mit den Bildern, die dort entstehen: Bilder aus Überwachungskameras, Aufklärungs-Bilder, Bilder, die zu Propagandazwecken umgedeutet werden. Auf diese Bilder, sagt der Film, sei nur bedingt Verlass. Wie zum Beweis, aber auch als Hinweis auf den hoch reflektierten, künstlerischen Umgang mit Bildern, hat Tamar Yoram die von ihr benutzen Schnipsel teilweise nachbehandelt. Die Palästinenser in diesen Szenen haben aschgraue Gesichter, allein die Kleider einiger Umherirrender leuchten unnatürlich rot. Das ist kein Zufall.
Die partielle Entfärbung, partielle Farbverstärkung dieser Archiv-Szenen gibt zu verstehen, dass Wirklichkeit von unserer Wahrnehmung abhängt. Die Wirklichkeit der Besetzten Gebiete ist die eines Krieges. Aber wer wo rot sieht, Leid oder Hass, einen legitimen israelischen Auftrag zur Selbstverteidigung oder die ausgebluteten Rechte der Palästinenser, das hängt von der emotionalen Färbung unserer eigenen Bild-Verarbeitung ab, von unserer Herkunft, unserer Sozialisation, unserer Religions- oder Staatenzugehörigkeit.
Auch der rätselhafte Filmtitel bezieht sich auf Bilder, auf Photos, die in den Besetzten Gebieten von Meytal gemacht worden ist. Auf diesen Photos, die nicht mehr in Meytals Besitz sind, könnte etwas Furchtbares abgebildet sein. Etwas, das Meytal aus ihrem Zivilleben ausgeblendet hat und dass sie doch zur Alkoholikerin gemacht hat. Der Film, der im Umgang mit fremden Bildern zur Vorsicht rät, ist auch eine Suche nach diesen Photos. Am Ende, wenn Meytal einige der Photos gefunden hat, wird man sich mit ihrer Beschreibung begnügen müssen.
Tamar Yoram hat ihre Wehrpflicht in den Besetzten Gebieten abgeleistet. "To see if I am smiling" ist bereits der zweite Dokumentarfilm, mit dem sie ihr Entsetzen publik macht. Aber wie kann man über „Zustände“ sprechen? Zustände, das meint doch, Abweichung von der Normalität. Nur dass es keine Normalität gibt, wo Krieg herrscht. Weder im israelischen Kernland noch in den Besetzten Gebieten. Die jungen Frauen, die vor Tamar Yorams Kamera den Prozess des Nach-Denkens auf sich nehmen und sich ihrer Mitverantwortung an diesen „Zuständen“ stellen, sprechen übereinstimmend von dem Schock, sich plötzlich nicht einmal mehr in der minimalen Normalität des israelischen Alltags bewegt zu haben.
Auch dazu hat Tamar Yoram Archivbilder gefunden. Eine Nachrichten-Szene zeigt Auswirkungen eines Bombenanschlags in Jerusalem. Inmitten der Schreie und des Chaos arbeiten Polizei, Räumkommandos, Krankenwagen, Leichenwagen. Orthodoxe Juden sammeln versprengte Körperteile ein. Nach orthodoxem Glauben muss ein Jude in seiner körperlichen Unversehrtheit zur Ruhe gebettet werden. Israelische Betrachter erkennen in solchen Fernsehbildern das Ritual einer mühsamen Selbstheilung. Ruhe und Ordnung, Würde und Trauer sind ein wesentlicher Bestandteil der israelischen Selbstverteidigung.
Das Aufatmen zwischen zwei Attentaten, das Ritual der materiellen, emotionalen und religiösen Reinigung, das gibt es nicht in den Besetzten Gebieten. Schon an ihrem ersten Tag in Hebron, so Meytal, sei sie mit einem Sanitätstrupp unter Beschuss geraten. Der Auftrag, einen Verletzten zu bergen, wurde zum Auftrag, zu überleben.
Rotem sah die Gefahr in ihrem Job als Beobachterin stets kommen. Was Rotems Aufgabe war, zeigt der Film anhand einer prototypischen Aufnahme aus der Sicht einer israelischen Überwachungskamera. Zuerst fällt der Sucher im Bild der Überwachungskamera auf. Man versteht, dass dieser Sucher scharf ist wie der Sucher eines Zielfernrohrs. Es geht darum, mit dem Auge eine Art Warnschuss abzufeuern, bevor die Anderen auf einen schießen. Die israelische Überwachungskamera, die für kurze Zeit den Platz der Dokumentarfilm-Kamera einnimmt und die Wirklichkeit der israelischen Beobachter und der palästinensischen Erblickten wiedergibt, erfasst jeden Stein, jeden Strauch. Es muss zahllose Überwachungskameras geben, um ein derart lückenloses Bild der Besetzen Gebiete zustande zu bringen. Aus Sicht der Überwachungskamera ist jede Bewegung verdächtig. Es ist die Sicht der Besetzer – und plötzlich teilen wir diese Sicht. Diese Jungen dort zum Beispiel, die einen Hügel erklimmen, halten sie Steine in der Hand?
Sobald man die Perspektive der Überwachungskamera einnimmt, wächst das Misstrauen. Als Observer, sagt Rotem, „ hat man ganz viel Macht.“ Man hat Macht über die Bespitzelten. Man hat Macht über die Soldaten, die man auf Erkundungstour schickt. Eine Beobachterin muss sich nicht bei Verhaftungen schmutzig machen. Was aber, wenn der Schmutz durch die Ritzen ihres Arbeitsplatzes durchdringt?
Bei einer Gegenüberstellung mit jugendlichen Steinewerfern sei sie sich nicht mehr sicher gewesen. Ein Ermittler übernimmt es, Rotems Zweifel auszumerzen. Die Jungen, sagt er, werden gestehen.
Meytal, die Leben retten will und beinah selbst getötet wird. Rotem, die Verbrechen vereiteln soll und in das Verbrechen eines unter Folter erpressten Geständnisses hineingerät. Die Interviews bringen ihre schmerzliche Verbundenheit zum Vorschein. Auf Rotem, die die gängigen Folterpraktiken nicht anzeigt, folgt Inbar, ihres Zeichens Operation Sergeant. Inbar gehört zum Bodentrupp. Sie erlebt hautnah, was Rotem nur auf dem Bildschirm der Überwachungskamera sieht. Es sei dort wie im Wilden Westen zugegangen, sagt sie, und die Macht über die Palästinenser sei betörend gewesen. Ein Armee-Bericht verändert Inbars Hochgefühl. Einmal als Wahrheit, einmal als Lüge. Im ersten Bericht findet sich wieder, was Inbars Kommandeur beanstandet. Er hat israelische Soldaten gesehen und einen zerschlagenen, nur zum Spaß gequälten palästinensischen Jungen. Die Soldaten haben nichts abgestritten. Ein ranghöherer Vorgesetzter liest den Bericht und beschwert sich. Nicht über die Soldaten. Über den Bericht.
Inbar wurde angewiesen, einen zweiten Bericht anfertigen zu lassen. Im zweiten Bericht wurde das makellose Verhalten der Soldaten gepriesen und der Junge als notorischer Lügner diffamiert. Sie habe, sagt Inbar, überlegt, sich von beiden Berichten eine Kopie zu ziehen und sie einer befreundeten Journalistin zuzuspielen. Sie habe es nicht getan.

Warum?

Darauf antwortet indirekt die Vierte im Reigen. Dana wurde zum NCO, zum Education Officer ausgebildet. Ein NCO hat die Aufgabe, Korruption, Diebstahl, Plünderungen und internes Mobbing zu unterbinden. Vor jedem bewaffnetem Einsatz darf ein NCO zehn Minuten darauf verschwenden, die Einhaltung der Genfer Konventionen anzumahnen und den Soldaten die Regeln einer humanen Kriegsführung ins Gedächtnis zu rufen. Ein NCO betreut mehrere Kompanien an unterschiedlichen Orten. Ein NCO hat wenig Freunde. Bei der Inspektion einer Truppe in den Besetzten Gebieten hat Dana muslimische Gebetsketten und Koranbüchern entdeckt. Der Besitz von muslimischen Glaubens-Requisiten ist israelischen Soldaten streng verboten - schon um die Armee von dem keineswegs unbegründeten Verdacht zu befreien, sie schände muslimische Heiligtümer. Sie habe ihre Beobachtung gemeldet, erzählt Dana, und sei dafür nach allen Regeln männlicher Selbstherrlichkeit abgestraft worden. Dana ergeht es wie dem palästinensischen Jungen aus dem gefälschten Bericht. Auch ihr wird vorgeworfen, sie sei eine Lügnerin. Identifizieren kann sie sich mit den entrechteten Palästinensern dennoch nicht. Dafür sorgt schon der Gruppenzwang. Offener als ihre Kolleginnen prangert Dana den Männlichkeitswahn der israelischen Armee an. Sie beschreibt den Umgangston als hart und unerträglich laut.

„Löwen, Löwen, Löwen“

Was es heißt, wenn alle sich nur schreiend verständigen, bringt eine Szene zu Gehör, in der Soldaten in den Besetzen Gebieten ihr Kantinenessen mit Sieges-Gesängen würzen. „Wir sind Löwen, Löwen, Löwen“, grölt ein Vorsänger am Kopf der langen Tafel und seine Truppe grölt es ihm nach.
Zum einen versteht man dank dieser eingefügten Amateur-Aufnahme, dass die Besetzten Gebiete kein Ort für Zwischentöne sind. Das zwanghaft herausgebrüllte Überlegenheitsgefühl der Löwen ist eine Art Selbsthypnose. Weder lässt es die Frage zu, warum man so brüllen muss, wenn man an die eigene Stärke und die Legitimität des eigenen Handelns glaubt, noch hinterfragt es die Wahl des zur Identifikation auserkorenen Symboltieres. Löwen fressen nun mal Fleisch.
Dana weiß nur zu gut, was das bedeutet. Solange sie geschwiegen und ihren Job als NCO nicht ernst genommen hat, war sie Frischfleisch. Als sie anfing zu sprechen, wurde sie als Kadaver behandelt. Dana beschreibt den Schock, als vermeintliche Verräterin ausgeschlossen zu werden, äußerst nüchtern. Aber ihre Stimme zittert, wie die Stimmen aller Porträtierten zittern, wenn sie zum Kern ihres Selbstverrats durchstoßen. Zum Trauma, dem Gruppendruck unterlegen zu sein. Man könne als Außenseiter nicht überleben, schon gar nicht als Außenseiterin, das ist Danas Schlussfolgerung. Die Schizophrenie, als Frau zum Mann gemacht zu werden und sich dennoch die Aura des Sexualobjekts erhalten zu müssen, erstreckt sich auf alle Seinsbereiche. Dana hat sich nach ihrer inoffiziellen Erziehung durch die Löwen entschieden, nie mehr die Aufgaben wahrzunehmen, für die sie eigentlich ausgebildet worden ist.

Ein Beispiel zieht ein anderes nach sich

Tals Verwirrung setzte ein, als sich nach der Zwangsräumung eines palästinensischen Hauses, ein israelischer Euphemismus für die Vorschrift, Häuser vermutlicher oder tatsächlicher Terroristen zu sprengen, ein Tumult erhob. Empörte Palästinenser liefen durch die Strassen und bewarfen ihren gepanzerten Jeep mit Steinen. Der Befehl, als Soldatin zu handeln, hat Tal in einer langen Folge von verschiedenen Einsätzen dazu geführt, sich in den Steinhagel zu stellen, zuzuschlagen und, „nicht ständig so viel zu fühlen.“
Sind es die sogenannten Jungs, die Mädchen in der israelischen Armee zur Anpassung an eine Verrohung zwingen, die ihrerseits der Besetzung geschuldet ist?
Nein, so einfach sei das nicht, sagt Libi, die als Combat Soldier, als Kämpferin gedient hat. Wie alle anderen, hat auch Libi ihre Verbitterung, Teil des wechselseitigen Hasses zu sein, nicht an einem Tag gewonnen. Sie spricht von einem schleichenden Prozess. Libis Reaktion auf den Verlust des Mitgefühls ist der Impuls, Ordnung herzustellen. Nicht die heilsame Ordnung, von der die Aufräumarbeiten nach einem Bombenanschlag in Jerusalem zeugen. Es ist eine zerstörerische Ordnung, die der pervertierten Logik jeder Armee-Ausbildung entspricht. Nicht umsonst nennt man Ausbilder auch in der Bundeswehr „Schleifer“. Das Individuum wird geschliffen, bis nichts mehr übrig ist, das sich dem System des Gleichschritts widersetzt. Wenn uns vorgeschrieben wird, wohin wir unsere Köpfe auszurichten haben, können wir das Unrecht nicht sehen, das die Kehrseite vieler Militäreinsätze ist.

Ein fataler Ordnungssinn

Während einer 12 Stunden langen Schicht, erzählt Libi, habe sie an einem Checkpoint alle Wartenden für die Erschießung einer Freundin verantwortlich gemacht. Kinder, Frauen, Männer. Ihre Erinnerung schließt nicht nur die glühende Sonne ein. Sie habe, sagt Libi, die Hilflosen in Dreiherreihen antreten lassen. Sie habe sie eben jenem Drill und jenen sinnlosen Kommandos unterworfen, die sie selbst während ihrer Ausbildung durchlaufen hat. Libi hat den Feind spüren lassen, was es bedeutet, ein Israeli zu sein, dem im Kampf gegen den Feind Eigenverantwortung und Gewissen abtrainiert werden. Diese ebenso unbewusste wie groteske Übertragung wird in Libis Fall furchtbarere Konsequenzen haben. Ein Araber, der sie mit obszönen Gesten verfolgt, wird von den Jungs unter Libis Kommando gestellt. Sie rächt sich, indem sie die symbolische Vergewaltigung durch den arabischen Macho-Blick, für den Araber real werden lässt. Der Araber muss sich ausziehen. „Und dann haben wir ihn missbraucht“, sagt Libi. Wir. Alle. Diese Worte sind das perfekte Versteck.
In Libis Zorn über den arabischen Mann, der sie als Frau erniedrigt, obwohl sie die Uniform eines Kämpfers trägt, schwingt auch der Zorn über die Schizophrenie der Umstände mit. Die Israelis feiern denselben Machismo wie die Araber. Die Anzahl der israelischen Mädchen, die in der israelischen Armee sexuell belästigt oder vergewaltigt werden, ist hoch. Aber es ist der arabische Mann, an dem man sich rächen kann.
Gesichtsverlust, Kontrollverlust, Identitätsverlust, die Art und Weise, wie der Film die Geständnisse der jungen Frauen kombiniert und in ihnen den Zusammenhang von eigener und eigenhändig angerichteter Erniedrigung offenbart, läuft auf einen Totalschaden hinaus: Den Verlust der Menschenwürde. In diesem Verlust teilen die Mädchen von einst und die Palästinenser, denen sie nicht „normal“ begegnen konnten, ein und dasselbe Schicksal. Anfänglich werden die Gesichter der Frauen von einem undurchdringlichen Lächeln beherrscht, das verschiedene Varianten von psychischer Abwehr spiegelt. Es gibt das abgeklärte, das ironische, das verzweifelte, das zynische Lächeln, es gibt das Lächeln, das signalisiert, irgendwie habe man schließlich nach dieser Farce weitermachen müssen. Doch je tiefer die Frauen in ihre Erinnerung eintauchen, desto mehr weicht die Mimik einer abgespaltenen, einer zweckrationalisierten Wahrnehmung einem Zucken. Manche behalten das Lächeln bei, bis sie unter Tränen ihr schwärzestes Geheimnis aussprechen.

Zuhören, nicht urteilen

Die Regisseurin sagt in einem Interview, sie bewundere diese mutigen Frauen, die sich selbst öffentlich in Stücke reißen. Doch ihr Film entschuldigt nichts. Der Film hat offenkundig therapeutische Wirkungen für die Sprechenden. Doch er wurde nicht gedreht, um Verständnis für die Unterlassungssünden oder aktiven Menschenrechtsverletzungen der Protagonistinnen einzuklagen. Dieser Film setzt alles daran, die weltfremde Gewissheit seiner Zuschauer zu erschüttern, gleichviel aus welchem Land sie kommen. Unter den Umständen einer Besetzung können weder Besatzer noch Besetzte ihrer Moral sicher sein kann.
Von ihrem Ideal, Leben zu retten, ist Meytal weit abgekommen, als ihr die Aufgabe zuteil wird, getötete Palästinenser für die Übergabe an die Palästinensische Autonomiebehörde zu präparieren. Das ist aus Sicht der israelischen Armee nur eine weitere notwendige Manipulation. Kann man Berichte über Gewalt fälschen, kann man auch Ermordete auf Herzanfall schminken. Meytal beschreibt das Blut und den Kot und ihre Hände. Ihre Truppe reagiert mit Abscheu. Meytal kann sich vor den eigenen Händen nicht ekeln. Sie braucht sie noch. In ihrer Not trennt sich ihre Seele von ihrem Körper. Dissoziation nennt das die Psychoanalyse – man steht neben sich, man spaltet ein als schrecklich erkanntes Handeln oder Behandeltwerden so von sich ab, das es nicht zu existieren scheint oder seine Bedeutung verliert. Als einer der Getöteten eine postmortale Erektion hat, lässt Meytal sich mit der Leiche photographieren. Von diesen Photos wird sie zögerlich, schließlich immer schamerfüllter sprechen. Die Suche nach den Photos wird am Ende des Films von Videobildern ergänzt, die Kumpel bei Meytals Entlassung gemacht haben. Auf diesen Videoaufzeichnungen lacht Meytal. Lacht sie auch auf den Photos, auf denen der ermordete Palästinenser zur bizarren sexuellen Trophäe wird? Die Photos finden sich. In Meytals Augen findet sich, was sie getan hat. Die Aufnahmen sehen wir nie. Doch stellvertretend für andere fragt sich Meytal: „Verdammt, wie konnte ich nur glauben, ich könnte das vergessen?“

Fragen:

  • Immer mehr Filme und Theaterstücke aus Israel rühren am Mythos der israelischen „Verteidigungsarmee“. Das berühmteste Beispiel ist der international mit Preisen bedachte Dokumentarfilm >Waltz with Bashir<, der das Trauma des Libanon-Krieges aus Sicht israelischer Soldaten aufarbeitet. Regisseur Ari Folman war selbst 1978 im Libanon stationiert. Die Begegnung mit einer über Jahrzehnte verdrängten Schuld konnte er sich nur so vorstellen: „Krieg ist so surreal, und unsere Erinnerung ist so trickreich, dass ich dachte, es wäre besser, diese Reise in die Erinnerung mit der Hilfe hervorragender Illustratoren anzutreten“. 6 Nicht nur, dass sich viele der Interviewten nicht auf einer Leinwand preisgeben wollten. Die Entscheidung, die Rekonstruktion „des surrealen Krieges“ auf die Ebene einer comicartigen, nicht minder surrealen Erinnerung zu heben, zielte auch auf das junge israelische Publikum. Aufgewachsen in Familien, in denen jede Generation „ihren“ Krieg erlebt hat, ist die Abwehrhaltung junger Israelis gegenüber diesen Themen berühmt-berüchtigt. Waltz with Bashir spricht als erste animierte Dokumentation der Filmgeschichte die Bild-Sprache der Jugend. Er wurde von jungen Israelis mit Begeisterung aufgenommen.

Vergleichen Sie Waltz with Bashir mit To see if I’m smiling.

  • Lassen sich die Verhältnisse, die hier beschrieben werden, so etwa Gruppenzwang oder die von der Armee gewollte Aufgabe von Zivilcourage mit den Einsätzen der Bundeswehr in Afghanistan vergleichen? Der groteske Befehl eine Ordnung herzustellen, die vom Chaos eines ungelösten politischen Konflikts systematisch unterminiert wird, ist auch in Afghanistan oder im Irak gegeben.

Diskutieren Sie inwiefern der Vergleich zutrifft oder hinkt

  • Warum bezeugen Mädchen, die im Macho-Land Israel darauf getrimmt werden, mit weiblichen Attributen für sich zu werben, gegenüber den Geschlagenen nicht mehr Mitleid? Warum setzen sich Mädchen, die in einer Demokratie aufgewachsen sind, die in unzähligen Gedächtnis-Übungen an die nationalsozialistische Diktatur und ihre sechs Millionen jüdischen Opfer gemahnt, nicht für die Einhaltung von Menschenrechten ein?

Sind Frauen doch nicht die besseren Menschen? Waren sie es nie?

  • Diskutieren Sie was es bedeutet, wenn Fernseh- oder Filmbilder, seien sie elektronischer oder digitaler Art, heutzutage ebenso leicht manipuliert werden können, wie Photos dereinst retuschiert wurden. In welcher Diktatur des zwanzigsten Jahrhunderts wurde der Einsatz von Filmen als Propaganda-Aufgabe verstanden? Wie steht es heute um die Authentizität von Nachrichtenbildern?
  • Nicht alles, was man gesehen hat, kann man auch zeigen. Warum?
  • Wie können wir Wahrnehmung in Verständnis, Zusehen in Mitleiden verwandeln? Wie müssen Bilder von Katastrophen, Kriegen, Folter beschaffen sein, um ein „WIR“ zu erschaffen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Susan Sonntag in ihrem letzten Buch „Regarding the pain of others“. Sie kam zu der Überzeugung, dass schiere Überwältigung, das Bombardement der Seele mit den Bildern des Grauens, nur Abwehr und Verdrängung erzeuge. Diskutieren Sie diese These.

Didaktische Hinweise

Eignung:
Zielgruppen: Schulische Bildung; ab Sek II; Fächer: Politik, Ethik, Religion.
Erwachsenenbildung (Beratung von Kriegsdienstverweigerern; Staatsbürgerkunde in der Bundeswehr; Ausbildung von Friedensfachkräften, Konfliktmediation)
Altersempfehlung: ab 16 Jahren

Fakten und Hintergründe

Vorgeschichte: Zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und 1948 zogen mehrere hunderttausend Juden vor allem aus Ost- und Mitteleuropa, in einigen Wellen in das zunächst noch unter osmanischer Herrschaft stehende Palästina. Dies entsprang zum einen der Not bei antijüdischen Ausschreitungen (Pogromen) insbesondere in Polen und Russland und später, um  vor dem nationalsozialistischen Holocaust zu fliehen, zum anderen entsprach es der zionistischen Zielsetzung Theodor Herzls, die in aller Welt verstreut lebenden Juden in einem gemeinsamen Nationalstaat zu vereinen.
Noch vor dem Sieg der Entente (Großbritannien, Frankreich und Russland) im Ersten Weltkrieg über das Osmanische Reich, hatte der britische Außenminister Lord Balfour dem englischen Zionistenführer Baron Rothschild erklärt, „die Regierung seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wir ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei wohlverstanden nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nichthjüdischen Gemeinschaften in Palästina (…) in Frage stellen könnte“. (Balfour-Declaration, 2. November 1917). Großbritannien hatte allerdings auch den Arabern zugesagt, ihre staatliche Unabhängigkeit zu fördern. Wenn jedoch zwei Nationen versuchen, ihren jeweiligen Staat auf demselben Territorium zu gründen, bleibt der Konflikt nicht aus.
Am 29. November 1947 beschloss die Vollversammlung der Vereinten Nationen in der Resolution 181 die Teilung Palästinas zum 1. November 1948 in einen jüdischen und einen arabischen Staat, von denen jeder aus mehreren Teilstücken bestehen sollte , die Internationalisierung Jerusalems sowie eine Wirtschaftsunion. Während die Jewish Agency den Plan akzeptierte, lehnten ihn die arabischen Staaten als ungerecht ab, weil den Juden 56,5% der Landfläche zugesprochen werden sollte, obwohl sie nur ein Drittel der Bevölkerung stellten.
Israelische Staatsgründung: Am 14. Mai 1948, dem Vorabend des Auslaufens des britischen Mandats, rief David Ben Gurion den Staat Israel aus. Am 15. Mai zogen die britischen Truppen ab. Gleichzeitig marschierten arabische Truppen aus Ägypten, Jordanien und Syrien ein, um den Teilungsplan zu verhindern. Damit begann der erste Arabisch-Israelische Krieg, in dessen Verlauf 600.000 Palästinenser vertrieben wurden und in die Nachbarländer flohen. Er endete im Frühjahr 1949 mit einem Waffenstillstandsabkommen, dessen Folge war, dass der Staat Israel an Fläche gewann, der Gazastreifen unter ägyptische Verwaltung fiel und das Westjordanland einschließlich der Altstadt Jerusalems als Cisjordanien an Jordanien angegliedert wurde.
Vierzig Jahre Besatzungspolitik Im Sechstage-Krieg vom 5. – 10. Juni 1967 besetzte Israel Ost-Jerusalem und das Westjordanland, außerdem die zu Syrien gehörenden Golanhöhen. In Ägypten drangen die israelischen Truppen bis zum Suezkanal vor und besetzten den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel. In der Resolution 242 forderte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 22. November 1969 den Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten und eine gerechte Regelung der Flüchtlingsfrage. Die Resolution blieb zunächst folgenlos. Erst nach einem Besuch des ägyptischen Staatspräsidenten Anwar el Sadat in Jerusalem kam es zu Friedensverhandlungen zwischen Ägypten und Israel, die im Abkommen von Camp David (USA) am 17. September 1978 zu einem (1982 beendeten) israelischen Rückzug von der Sinai-Halbinsel führte. Die übrigen Gebiete blieben besetzt, die Golanhöhen und Ost-Jerusalem wurden annektiert.
Während des libanesischen Bürgerkrieges (1975 – 1990) griff Israel palästinensische Flüchtlingslager im Libanon an (Operation Frieden für Galiläa) und besetzte den Südlibanon von 1982 – 2000. Ab 1988 versuchten jugendliche Palästinenser die überwiegend der Hamas angehörten, vor allem im Gazastreifen die Besatzungsmacht mit Gewalt „abzuschütteln“ (so die deutsche Übersetzung für Intifada). Zur selben Zeit rief der Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO, Yassir Arafat, den Staat Palästina im algerischen Exil aus.
In den Friedensgesprächen von Oslo zwischen Israel und der PLO wurde 1993 ein Grundsatzabkommen ausgearbeitet, das darauf zielte, den Palästinensern im Gazastreifen und Westjordanland eine gewisse Autonomie zu gewähren, die innerhalb von fünf Jahren zu einem „Endstatus“ führen sollte. Es beendete zwar die erste Intifada und brachte auch eine teilweise Selbstverwaltung in den besetzten Gebieten sowie den Rückzug der israelischen Streitkräfte aus deren Städten. Doch zugleich nahmen Zahl und Umfang der jüdischen Siedlungen in den palästinensischen Gebieten zu.
Aus Enttäuschung über die mangelnden Fortschritte auf dem Weg zum eigenen Staat begann im Herbst 2000 die zweite (Al-Aqsa-) Intifada. Sie nahm bald die Gestalt eines israelisch-palästinensischen Kleinkrieges an und brachte den Friedensprozess endgültig zum Scheitern. Im Herbst 2005 zog sich Israel einseitig aus dem Gazastreifen zurück. Doch ob, wann und auf welcher Fläche ein souveräner Staat Palästina entstehen wird, steht auch im Jahr 2007 noch nicht fest.
Zitiert aus: „Friedenschancen im Nahen Osten?“, Themenblätter im Unterricht Nr. 61; Frühjahr 2007; S.1f, Hrsg.: Bundeszentrale für politische Bildung, Autor: Berthold Meyer;
Gesamttext zum herunterladen: www.bpb.de/files/AQSS18.pdf

Tamar Yarom

1971 in Jaffa, Israel geboren. 1995 schließt sie ihr Psychologiestudium an der Universität Jerusalem ab. Filmstudium an der London Film School. Für ihren Film Sob Skrit, der auf ihren persönlichen Erfahrungen als Soldatin während der 1. Intifada beruht, wurde sie 2002 beim Internationalen Filmfestival in Haifa ausgezeichnet.
Preise (Auswahl)

Internationales Dokumentarfilmfestival Amsterdam (IDFA), Publikumspreis;
Internationales Filmfestival Haifa, Bester Dokumentarfilm;
Montpellier Filmfestival, Dokumentarfilm Preis

Literaturhinweise

  • Amira Hass: Bericht aus Ramallah – Eine israelische Journalistin im Palästinensergebiet. Diederichs Verlag 2004
  • Felicia Langer,: Brandherd Nahost. oder: Die geduldete Heuchelei; Göttingen 2004, Lamuv Verlag
  • Nahostlexikon, Der israelisch-palästinensische Konflikt von A-Z, Hrsg: Gernot Rotter und Schirin Fathi, Palmyra Verlag
  • Friedrich Schreiber / Michael Wolffsohn, Nahost – Geschichte und Struktur des Konflikts; Leske und Budrich, Opladen, 1987
  • Diana Sprick, In den Schlagzeilen: Israel und Palästina, Arbeitsmaterialien für die Sekundarstufen, Mülheim an der Ruhr 2005, Verlag an der Ruhr
  • Israel, Informationen zur politischen Bildung, Heft 278 (neu Mai 2008), (Das Heft ist im Klassensatz kostenlos von der Bundeszentrale für politische Bildung zu beziehen: http://www.bpb.de/publikationen/XOA93H,0,Israel.html oder auch dort ganz und teilweise herunter ladbar)
  • Die Palästinenser und Israel, epd-Dokumentation Nr. 48, Frankfurt 2001 (mit zahlreichen Internet-Adressen von Organisationen in Israel und Palästina)

Medienhinweise

  • Curfew - Die Ausgangssperre. Regie: Rashid Masharawi; Israel, Frankreich, Niederlande, Deutschland, 1993 Spielfilm, 75 Min.
  • Hass und Hoffnung - Kinder im Nahostkonflikt (Promises). Regie: Justine Shapiro, B.Z. Goldberg; Israel, USA, 2001, Dokumentarfilm (OmU), 90 Min. EZEF-Katalog
  • Waltz with Bashir. Regie: Ari Folman, Deutschland, Frankreich, Israel 2008, 86 Min.
    (Verleih: versch. Medienzentren; Home-DVD: www.pandorafilm.de)

Autorin: Heike Kühn
Redaktion: Petra Titze, Bernd Wolpert (verantwortlich)