Arbeitshilfe

Shanghai Shimen Road

Shanghai, Shimen Lu / Hei Bai Zhao Pian

Ein Film von Haolun Shu
China, Hongkong, Niederlande 2010, 85 Min., Spielfilm, OmU

Inhalt

Der Coming-of-Age-Film spielt im Shanghai der Jahre 1988/89 vor dem Hintergrund der Demokratiebewegung nach der Kulturrevolution und dem Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens (Tiananmen) in Peking (Bejing). Zu jener Zeit wandert der 17-jährige Xiaoli in die USA aus. Als er 2008 im Auftrag eines New Yorker Fotomagazins zurück in seine Heimatstadt kommt, erinnert er sich an seine Jugend und an seine fünf Jahre ältere Jugendliebe Lanmi, die im gleichen Backsteinhaus im Schikumen wohnt wie er: Dort lebt er bei seinem Großvater, dem ursprünglich das Haus gehörte. Xiaolis Vater starb noch während der Kulturrevolution im Gefängnis, seine Mutter emigrierte in die Vereinigten Staaten, um ihren Sohn möglichst bald nachzuholen. Xiaoli ist von diesem Gedanken zunächst wenig begeistert. Viel lieber möchte er in Shanghai bleiben, dort die langweilige Schule schnell hinter sich bringen und ein eigenes Fotostudio eröffnen. Gerade erst hat er seine Liebe zur Fotografie entdeckt. Sein bevorzugtes Fotoobjekt ist die attraktive Lanmi, die in einer Fabrik arbeitet und im Dauerstreit mit ihrer Mutter und deren neuem Liebhaber liegt. Den beengten Wohnverhältnissen möchte Lanmi so bald wie möglich entfliehen und am liebsten in die USA auswandern. Daher ergreift sie ihre Chance, als ihr die Managerin eines Luxushotels anbietet, ausländische Geschäftsmänner zu begleiten, sexuelle Annäherung inbegriffen. Machtlos muss Xiaoli mit ansehen, wie seine große Liebe auf die schiefe Bahn gerät und zu Alkohol und Drogen greift. Sie sucht zwar immer wieder Trost bei ihm, weist seine unbeholfenen Annäherungsversuche aber zurück. Unterdessen beginnt sich seine neue Klassenkameradin Lili, die aus reichem Elternhaus stammt, für ihn zu interessieren. Sie macht ihn auch auf die Studentendemonstrationen in Peking aufmerksam und überredet ihn, Fotos bei einer Protestaktion an der Fudan-Universität in Shanghai zu machen. Diese Fotos werden ihm beinahe zum Verhängnis, als die Staatsmacht den Volksaufstand auf dem Tiananmen blutig niederschlägt und auch in Shanghai Jagd auf Sympathisanten macht. In dieser gefährlichen Situation gibt Xiaoli dem Drängen seines Großvaters nach und reist zu seiner Mutter in die USA, ohne Lanmi oder Lili je wieder zu sehen.

Filmische Umsetzung/Würdigung und Kritik

Wie sein filmischer Protagonist Xiaoli ist Regisseur Haolun Shu 1972 in Shanghai geboren und dort aufgewachsen. Zur Zeit des Tiananmen-Massakers war er 17 Jahre alt und ging später in die USA, um dort zwar nicht Fotografie, sondern Film an der Universität von Illinois zu studieren. „Shanghai, Shimen Road“, sein erster abendfüllender Spielfilm, ist stark autobiographisch geprägt. Das wird bereits im Off-Kommentar deutlich, mit dem die Hauptfigur ihre Geschichte erzählt und ihr eine fast dokumentarische und nostalgische Note verleiht. Unterstützt wird dies auf der Bildebene im Kontrast zu den farbigen Filmbildern durch zahlreiche eingestreute Schwarzweißfotos, die ebenfalls dokumentarischen Charakter haben. Haolun Shu zu seinem Film: „Ich wollte diesen Zeitabschnitt meines Lebens wieder aufgreifen, da ich glaube, dass viele Chinesen diese verwirrenden Zeiten nacherleben sollten. Der Film ist dafür ein geeignetes Medium und war besonders angezeigt im Hinblick auf die Lokalität der Dreharbeiten, die im Verschwinden begriffen ist. Die Shikumen werden in Lichtgeschwindigkeit durch 50-stöckige Hochhäuser ersetzt. Bald wird sich niemand mehr erinnern, wie das Leben unter dem kommunistischen System organisiert war.“
Die persönliche Erinnerungsarbeit des Regisseurs wird mit seinem Film zur gesellschaftlichen Erinnerungsarbeit einer ganzen Generation. Denn die 80er-Jahre waren in China eine einzigartige Periode, in dem man sich dem Westen gegenüber zu öffnen begann und sich nach mehr Freiheit sehnte. Damals, so der Regisseur, „begannen in Shanghai und China der Materialismus und der Idealismus auf eine faszinierende Art nebeneinander zu existieren“.
Wenn auch die Fotografie im Film eine besondere dramaturgische Rolle spielt, steht die Kameraarbeit dem in keiner Weise nach. Sie ist stark subjektiv gehalten und möchte die Gefühlsebene der Protagonisten und die Art ihrer Beziehungen möglichst exakt erfassen. Das geschieht beispielsweise, indem die Kamera den Blicken einer Figur folgt oder sich mit ihr einen Korridor entlang um eine Ecke tastet. Um die enge Beziehung zwischen Xiaoli und Lanmi zu unterstreichen, lassen Over-Shoulder-Einstellungen mit Teleobjektiv den Raum zwischen beiden schrumpfen, obwohl sie sich in zwei verschiedenen Wohnungen befinden und sich durch das geöffnete Fenster unterhalten. Später, wenn sie sich voneinander entfremdet haben, trennt optisch ein Vorhang die beiden voneinander, obwohl sie direkt nebeneinander sitzen. Gänzlich der Innenperspektive geschuldet sind Einstellungen, in denen Xiaoli seine Freundin nackt am Fenster sieht und sein Begehren ausgedrückt wird. Wochen später fotografiert er sie mit Blitzlicht, als sie am frühen Morgen aus dem Auto eines Freiers steigt. Dazu donnert und blitzt es plötzlich tatsächlich und Schwarzweißfotos mit vom Regen überfluteten Straßen verdeutlichen Xiaolis zwischen Wut, Trauer und Verzweiflung schwankende Gefühlslage.
Die Musik im Film dient nicht nur gezielt der Gefühlslenkung. Als Realmusik unmittelbar in die Handlung einbezogen, markieren zwei leitmotivisch eingesetzte Lieder sowohl den gesellschaftlichen Hintergrund als auch die individuelle innere Kluft zwischen Xiaoli und seinen beiden Freundinnen Lanmi und Lili, die einer erfüllten Beziehung entgegensteht.
In dem Pop-Song „Little Secret“, den Lanmi zusammen mit Xiaoli mehrfach auf Kassette hört, heißt es: „In meinem Herzen ist ein kleines Geheimnis verborgen. Ich möchte es dir verraten, es ist keine gewöhnliche Zuneigung, es sind tiefe innere Gefühle. In meinem Herzen ist ein kleines Geheimnis verborgen, ich habe es nie ausgesprochen. Der Zufall wollte es, dass wir uns im Hauch eines Augenblicks begegnet sind. Ich sehne mich grenzenlos nach dir, das ist mein Geheimnis.“ Und später, als Xiaoli seine Mitschülerin Lili auf dem Fahrrad mitnimmt, singt diese unbekümmert und ohne sichtbare Reaktion von Xiaoli: „Ich fragte dich immer wieder, wann gehst du mit mir? Aber du lachst mich immer aus, denn ich habe einfach nichts. Ich möchte dir meine Träume schenken und dir meine Freiheit geben, aber du lachst mich immer aus, denn ich habe einfach nichts.“ Dieses Lied, das im Ausland unter dem Titel „Nothing to My Name“ bekannt wurde, stammt von dem chinesischen Rockmusiker Cui Jian. Er sang es auch bei den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Später wurde es als „Hymne der Studenten“ bezeichnet.

Themen und Hintergrundinformationen

Wenn es heute um weltpolitische oder weltwirtschaftliche Fragestellungen, Demokratiebewegungen (und ihr mögliches Scheitern) in nichtwestlichen Ländern und allgemein um Menschenrechte geht, kommt man an der aufstrebenden Weltmacht China nicht vorbei. Dabei ist es von großem Vorteil, eine Ahnung zu haben, wie stark sowohl die Kulturrevolution als auch das Massaker 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens eine ganze Generation beeinflusst haben, eine Generation vorwiegend aus der Mittelklasse, die heute gesellschaftlich den Ton angibt – wie auch der Regisseur, der seine eigene Produktionsgesellschaft in China gründete und Film an der Universität Shanghai unterrichtet. Bis heute, nach mehr als 25 Jahren, mauert die chinesische Staatsführung bei der Erinnerungsarbeit oder gar Aufarbeitung dieser Ereignisse. Es ist ein Tabuthema geblieben. Auch deswegen ist nicht einmal vollkommen sicher, ob das Massaker auf dem Platz selbst oder in seiner Nähe stattgefunden hat und auch die Zahl der Toten bei den Unruhen insgesamt schwankt zwischen etwa 300 und 3000. Umso wichtiger (und mutiger) ist es, dass ein chinesischer Filmemacher seine persönlichen Erinnerungen an diese Zeit und an seine Heimatstadt, die durch große Investitionsfirmen und Spekulationen inzwischen brutal saniert worden ist, in einem Filmkunstwerk reflektiert. Shu war damals gar nicht in Peking, aber er erlebte die gesellschaftliche Stimmung in Shanghai hautnah mit musste auch um seine eigene Zukunft fürchten. Diese „Wirklichkeit aus zweiter Hand“ über die damaligen gesellschaftlichen Ereignisse gewinnt an Glaubwürdigkeit, indem sie in eine international verständliche persönliche Coming-of-Age-Geschichte eingebunden ist, deren Gefühlslage absolut authentisch wirkt. Diese Geschichte des Erwachsenwerdens wiederum lässt sich einerseits auf Xiaoli selbst beziehen, andererseits auch verallgemeinern auf das chinesische Volk.

Eine Coming-of-Age-Geschichte

Es ist ein universelles Thema: Die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens scheinen überall auf der Welt ähnlich und bieten daher ein hohes Identifikationspotenzial. Substanzielle Bestandteile dieser Probleme sind die Suche nach den eigenen Wurzeln, verbunden mit dem Platz im Leben, den man einnehmen möchte oder den man sich erträumt, die Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern und allgemein den Erwachsenen und den Autoritäten im persönlichen und gesellschaftlichen Umfeld. Vor allem aber die Entdeckung der eigenen Sexualität, die Begegnung mit dem anderen Geschlecht und die ersten Erfahrungen in der Liebe, die mit großer Wucht über einen hereinfallen und nicht selten ein Leben lang prägen.
Xiaoli hat mit allen diesen Herausforderungen zu kämpfen. Ohne seine Eltern, die entweder tot sind oder im Ausland leben, wächst er alleine bei seinen Großvater auf, der streng und weise ist, und von der Kulturrevolution und ihren Repressalien geprägt wurde. Standhaft weigert er sich, eine ihm angebotene finanzielle Entschädigung anzunehmen für die ihm von der Kulturrevolution entwendeten Bilder, die offenbar unauffindbar sind. Xaoli gibt sich Mühe, seinen Großvater zu verstehen. Mit seinem Lehrer, der den Schülern pausenlos die offiziellen Versionen der Partei über die Aufarbeitung der Kulturrevolution vermittelt, gerät Xiaoli aber in Streit. Er entwickelt ein grundsätzliches Misstrauen gegen alle offiziellen Versionen der Geschichtsschreibung. Seinen Platz im Leben hat er zwar noch nicht gefunden, zumal er ungern seine Heimat verlassen und wie die Mutter in die USA auswandern möchte. Immerhin hat er gerade erst seine Liebe zur Fotografie entdeckt, noch nicht wissend, dass seine Aufnahmen auch ein großes Gefahrenpotenzial in sich bergen. Seit Jahren ist er in seine Nachbarin Lanmi verliebt, die allerdings um einige Jahre älter ist, nicht mehr zur Schule geht und in einer Druckerei als einfache Arbeiterin tätig ist. Im Unterschied zu ihm interessiert sie sich überhaupt nicht für Politik, sondern nur für die Erfüllung ihrer eigenen Träume, die nach den Versprechungen und Verlockungen des Westens ausgerichtet sind und sich in ihrer Begeisterung für Coca Cola manifestieren. Trotz ihrer gegenseitigen Zuneigung gelingt es Xiaoli nicht, sie zu erobern, denn dafür ist er noch zu unerfahren und schüchtern. Weitaus größere Chancen hat er bei der neu in die Klasse gekommenen gleichaltrigen Lili, der Tochter eines hohen Militärs aus Peking. Sie zeigt besonderes Interesse an der Demokratiebewegung in ihrem Land und sie fördert das politische Bewusstsein bei Xiaoli entscheidend. Doch auch diese Beziehung kann Xiaoli nicht leben, vor allem, weil er sich von Lanmi noch nicht lösen kann. Vergeblich versucht er, ihr zu helfen, er möchte sie aus dem Abgrund befreien, in den sie sich leichtfertig begeben hat. Im Unterschied zu Lili ist Lanmi zu keiner Zeit in Xiaoli verliebt. Eine sich am Ende andeutende Liebesbeziehung mit Lili, die ihn nach einer gemeinsam durchgeführten verbotenen Aktion mehrfach küsst, zerbricht an der gesellschaftlichen Ausnahmesituation und am Druck der Behörden, was schließlich zu Xiaolis Emigration führt.

Gesellschaftskritik

Zwei junge Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, zwei Geisteshaltungen: Lanmi ist dem Materiellen zugewandt und scheitert an den Verlockungen des Kapitalismus, der durch Bodenspekulanten und den Abriss der alten Shikumen auch zum Niedergang des alten Shanghai führt, das Xiaoli so sehr liebte. Lili verkörpert den Idealismus einer jungen Generation, die an der Veränderung der herrschenden Machtverhältnisse interessiert ist und dafür bereit ist zu kämpfen und etwas zu riskieren. Der Film lässt offen, wie es den beiden Frauen nach 1989 weiter ergangen ist, denn Xiaoli hat sie nie wieder getroffen. Unverkennbar ist jedoch, dass es ihnen unter den gesellschaftlichen Umständen dieses denkwürdigen Jahres nicht gut ergangen ist und sie ihre Träume und Hoffnungen begraben mussten. Nicht zuletzt waren es gerade die politischen Umstände, die eine mögliche Liebesbeziehung zwischen Xiaoli und Lili im Keim erstickten. Der Volksaufstand, der im Tiananmen-Massaker sein blutiges Ende fand, war das böse Erwachen einer ganzen Nation und ihr Verstummen zugleich. Auch die Narben der chinesischen Kulturrevolution, die sowohl Xiaoli als auch Lanmi ihrer Väter beraubte, waren noch lange nicht verheilt. So wie bereits Xiaolis Lehrer den Jungen ermahnte, über geschichtliche Ereignisse nicht „überflüssige Diskussionen“ zu führen, berichtet später ein Fernsehsender über die Studentenunruhen in Peking: „… unter dem Vorwand der Demokratisierung zerstören sie die demokratische Ordnung. Ihr Ziel ist, Unruhe zu stiften und die harmonische politische Ordnung zu stören. Es ist eine geplante Verschwörung. Es ist ein Aufstand.“ Eine alternative Leseweise ist offiziell nicht gelassen, bis heute nicht. Lili und Xiaoli gelingt es immerhin, eine Nachrichtensendung von „Voice of America“ über das Schulradio abzuspielen, so dass die ganze Schule die von chinesischen Medien und staatlichen Stellen unterdrückte Version der Ereignisse erfährt. Den beiden wird später vorgeworfen, dies nur aus reiner Sensationslust und falscher Solidarität getan zu haben.
Xiaoli schließlich steht zugleich für die Unfähigkeit vieler Chinesen, sich mit ihrer jüngeren Vergangenheit (produktiv) auseinanderzusetzen. Wie viele seiner Landsleute hat er über Jahre hinweg zunächst alles verdrängt und „ganz unbewusst mit der Vergangenheit gebrochen“. Auch die Regierung hat bis heute keinerlei Interesse an der Aufarbeitung und an Erinnerungskultur. Beides zu ändern ist Absicht dieses Films.

Erinnerungsfotos und Zeitzeugenarbeit

Gleich zu Beginn des Films führt sich Xiaoli im Off-Kommentar zu Schwarzweiß-Fotografien des alten Shanghai mit den folgenden Worten ein: „Ich begann mit 17 zu fotografieren. Damals lebte ich in Shanghai. Es waren einfache Bilder in Schwarzweiß. Aber immer wenn ich sie anschaue, kann ich jenes Shanghai hören, ja riechen. Meine erste Kamera war ein Geschenk von Mutter, bevor sie in die USA ging. Sie wollte mich wenigstens auf Fotos sehen. Mein Vater brauchte das nicht. Er konnte mich jeden Tag sehen. Entschuldigung, es war nicht wirklich er, sondern sein Porträt an der Wand … Bis heute sehne ich mich nach dem lauten und engen Leben im Schikumen zurück und auch nach den endlosen, unerträglichen und doch irgendwie lustigen Streitereien. In dieser Zeit schoss ich sehr viele Bilder, um fotografieren zu lernen. Aber eines Tages verlor ich fast alles.“
Xiaoli hat sich den französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson zum Vorbild genommen, der China aus eigener Anschauung kannte und mit seinen Fotos immer den rechten, entscheidenden Augenblick zu erfassen suchte. Der Großvater hatte Xiaoli das Fotografieren und offenbar auch das selbst Entwickeln der Filme und die Anfertigung von Abzügen beigebracht. Wie die meisten Amateure nutzt Xiaoli seinen von der Mutter geschenkten Fotoapparat zunächst nur, um seine Heimatstadt und insbesondere das Leben in der Shimen Road zu dokumentieren und persönliche Erinnerungsfotos zu machen. Das sind in seinem Fall weniger Familienaufnahmen als private Aufnahmen seiner hübschen Nachbarin Lanmi. Diese möchte zwar nicht gerne fotografiert werden, aber sie lässt es doch immer wieder zu und kokettiert damit. Seine Erinnerungsfotos mit ihr dokumentieren eine geschönte Wahrheit. Das gemeinsame Foto mit ihm und Lanmi zeigt ein glückliches Paar, das sie am Ende gar nicht sind. Als er bei ihrer Geburtstagsparty auf ihren Wunsch hin Fotos schießen soll, weigert er sich unter fadenscheinigen Gründen. Denn er hat in diesem Moment erkannt, das Lanmi ganz andere Interessen hat, ihn nur als guten Freund betrachtet und sich eher wie seine große Schwester fühlt.
Mit dieser schmerzhaften Erkenntnis wird Xiaoli immer mehr zum klaren Beobachter seiner Umgebung. Seine in den Film eingestreuten Schwarzweißfotos zeigen nun vor allem die Lebensbedingungen der Menschen in der Siedlung. Wieder ist es die gleichaltrige Lili, die ein Stück reifer ist als er, die ihn auf eine ganz neue Art des Fotografierens bringt. Bei einem gemeinsamen Besuch in der Fudan-Universität von Shanghai dokumentiert er mit seiner Kamera die Protestaktionen der Studenten. Er dokumentiert zeitgeschichtliche Ereignisse, was im klassischen Sinn auch eine Gegenöffentlichkeit zu den in den Medien vorherrschenden Bildern erzeugt, die der Film später zeigt. Er ist aber noch zu jung und unerfahren, um dieser gesellschaftlichen Aufgabe gewachsen zu sein. Allein der Großvater weiß dank seiner Erfahrungen aus der Kulturrevolution, wie gefährlich diese Fotos für den Jungen sein können, nachdem der Aufstand in Peking niedergeschlagen wurde. Ohne weitere Diskussion werden diese Fotos verbrannt. Im analogen Zeitalter von 1989 war dies womöglich die einzig richtige Lösung, im heutigen digitalen Zeitalter lassen sich wichtige Beweisstücke und Fotodokumente ganz anders verwenden und verbreiten.

Glossar

  • Henry Cartier-Bresson
    Henri Cartier-Bresson (geb. 22.8.1908, gest. 3.8.2004), den sich Xiaoli zum Vorbild nahm, war ein französischer Fotograf, Regisseur, Schauspieler, Zeichner und Maler. Sein Markenzeichen war die künstlerische Schwarzweißfotografie, die „den entscheidenden Augenblick“ einfangen konnte, Wert auf perfekte Bildkompositionen legte und den Beziehungen zwischen den Menschen absolute Priorität einräumte. Zwischen 1937 und 1939 war er auch Regieassistent bei drei Filmen des Meisterregisseurs Jean Renoir. 1947 gründete er mit Robert Capa, David Seymour und George Rodger die legendäre Bildagentur Magnum in Paris, die zum Auftraggeber für viele unabhängige Fotografen wurde. 1949 verfolgte er mit seiner Leica-Kamera auch das Entstehen der Volksrepublik China, die am 1. Oktober des Jahres von Mao Zedong auf dem Tiananmen-Platz ausgerufen wurde. Diese Fotoarbeiten wurden 1968 unter dem Titel „China, gestern und heute“ veröffentlicht. Vier Jahre später beendete er seine Karriere als professioneller Fotograf und widmete sich bis zu seinem Tod im Jahr 2004 stattdessen der Zeichenkunst.
     
  • Kulturrevolution
    „… eine 1966 von einer Gruppe in der Führung der Kommunistischen Partei Chinas eingeleitete Bewegung mit dem Ziel, überlieferte Denk- und Verhaltensweisen und „das geistige Antlitz der gesamten Gesellschaft zu ändern“. Die Kulturrevolution sollte die nach Meinung des Parteivorsitzenden Mao Zedong drohende bürokratische Erstarrung des Partei- und Staatsapparates abwenden und zugleich seine eigene Macht festigen. Die Kulturrevolution, zu deren Durchführung aus Jugendlichen bestehende Rote Garden gebildet wurden, richtete sich besonders gegen Funktionäre und Intellektuelle (Wissenschaftler, Künstler und Lehrer), die zu Millionen amtsenthoben, gedemütigt und misshandelt wurden. Die Zahl der Todesopfer geht wahrscheinlich in die Hunderttausende. Viele Kulturdenkmäler wurden zerstört. Der Lehrbetrieb an Schulen und Hochschulen wurde zeitweise eingestellt. Als die Bewegung außer Kontrolle zu geraten drohte, wurde zur Wiederherstellung der Ordnung die Armee eingesetzt. Einen vorläufigen Abschluss fand die Kulturrevolution 1969, doch blieben viele ihrer Wesenszüge auch danach bestehen. Nach Maos Tod (1976) rückte die Parteiführung von der Kulturrevolution ab und bezeichnete sie 1981 als Katastrophe.“ www.wissen.de/lexikon/kulturrevolution
     
  • Schikumen
    Schikumen (wörtliche Übersetzung: steinernes Tor“) werden die typischen alten Backsteinhäuser von Shanghai genannt, in denen bis zu achtzig Prozent der Stadtbevölkerung lebten und die auch in der Shimen Road standen, dem zentralen Handlungsort des Films. Jedes dieser Reihenhäuser ist an einer geraden Gasse angelegt und die Eingangstore wurden mit stilvollen Steinbögen dekoriert. In den 1930ern wurden diese Häuser von englischen Architekten erbaut und waren ursprünglich im Familienbesitz. Während der Kulturrevolution wurde das Eigentum von der Regierung beschlagnahmt. Die vorherigen Besitzer duften zwar weiterhin dort wohnen, mussten den Wohnraum nun allerdings mit Menschen aus ärmeren Einkommensschichten teilen. Diese Überbelegung brachte die Menschen näher zusammen, ging allerdings auch mit einem teilweisen Verlust der Privatsphäre einher. Viele dieser Schikumen wurden später abgerissen und durch Neubauten ersetzt, die heute das Bild einer „modernen“ Großstadt prägen.
     
  • Tiananmen-Massaker (3./4. Juni 1989)
    „… Die blutige Nacht am Platz des Himmlischen Friedens war … sowohl Eskalation als auch Ende einer breiten Protest- und Demokratiebewegung. In China wuchs in den 1980er-Jahren die Hoffnung, dass der damals beginnenden wirtschaftlichen Modernisierung und Liberalisierung politische und gesellschaftliche Freiheiten folgen würden. Viele dieser Hoffnungen ruhten dabei auf Hu Yaobang, damals Generalsekretär der KP in China und ein Gefährte des „großen Reformers“ und Mao-Nachfolgers Deng Xiaoping. Deng gilt bis heute als Initiator des Wandels, der China aus einer maroden Planwirtschaft hin zu einer de-facto-Marktwirtschaft mit immensen Wachstumsraten führte. Anders als Hu hielt Deng nichts davon, die Wirtschaftsreformen mit einer demokratischen Öffnung des politischen Systems zu verbinden. Hu wurde 1987 abgesetzt und starb zwei Jahre später am 15. April 1989. Öffentliche Trauerbekundungen nach seinem Tod waren der Ausgangspunkt der nun folgenden Proteste. Die Regierung konnte die öffentliche Trauer um ein respektiertes Parteimitglied schlecht unterbinden. Die Teilnehmer der Trauerkundgebungen nutzten die Gelegenheit, um Kritik am Regime zu üben und mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu fordern. Allerdings ging es auch um soziale Fragen. Die wirtschaftliche Modernisierung hatte zwar viele aus der Armut geholt, zugleich aber vor allem in den Städten neue Ungleichheiten und Einkommensunterschiede geschaffen. Viele Staatsbedienstete hatten ihre Arbeit verloren, außerdem zogen die Preise für Lebensmittel stark an. Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten schlossen sich der von Studenten initiierten Bewegung an, um für eine gerechtere Verteilung des neuen wirtschaftlichen Reichtums zu demonstrieren.
    Am 22. April 1989 besetzten zehntausende Studenten im Zuge der offiziellen Trauerfeier für Hu den Tiananmen-Platz. Im Mai traten Tausende von ihnen in den Hungerstreik. Beeinflusst wurden die Protestierenden auch durch die Politik von Glasnost und Perestroika Michail Gorbatschows. Als der sowjetische Regierungschef am 15. Mai zu einem Staatsbesuch nach China kam, verhinderten die Proteste öffentlichkeitswirksam den offiziellen Empfang des Staatsgastes auf dem Tiananmen-Platz. Zwei Tage später demonstrierten rund eine Million Pekinger auf dem Platz, auch in vielen anderen chinesischen Städten gingen Menschen auf die Straße. Am 20. Mai verhängte das Regime in Peking das Kriegsrecht.
    Was die blutigen Ereignisse am 3. und 4. Juni auf dem Platz des Himmlischen Friedens für viele Chinesen so unbegreiflich machte, war das Verhalten der Volksbefreiungsarmee. Deren Soldaten genossen hohes Ansehen, Gewalt gegen die eigene Bevölkerung galt vielen als unvorstellbar. Das stellte sich nun als Trugschluss heraus: Das Militär rückte mit Panzern gegen die Protestierenden vor, die in verschiedenen Teilen Pekings Barrikaden errichtet hatten, von denen aus Molotowcocktails und Steine auf die Soldaten geworfen wurden. Die Soldaten eröffneten schließlich das Feuer. Chinas Regierung spricht offiziell von etwa 300 getöteten Demonstranten und Soldaten, Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International gehen dagegen von bis zu 3.000 Todesopfern aus.
    www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/185616/25-jahre-tiananmen-massaker-03-06-2014

Didaktische Hinweise

Der Spielfilm ist für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit ab etwa 14 Jahren besonders geeignet, in einem Alter also, in dem Xiaolis Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden bereits aus eigener Erfahrung nachvollzogen werden können und sich bei Bedarf (zum Selbstschutz) zugleich eine zeitliche und räumliche Distanz zur Filmhandlung aufbauen lässt. Da diese typischen Schwierigkeiten, mit denen jeder Jugendliche mehr oder weniger zu kämpfen hat, im Mittelpunkt des Films stehen und nicht die aus zweiter Hand berichteten politischen Ereignisse, ist ein gutes Vorwissen über jene Zeit in China, in der sich das Land zum Westen hin zu öffnen begann, nicht verkehrt, aber nur bedingt erforderlich. Gegebenenfalls lassen sich entsprechende Hintergrundinformation auch noch in der Diskussion beziehungsweise der Nachbesprechung ergänzen. Gleichwohl sind die Ereignisse in China kein schlichtes Beiwerk des Films. Sie können als anschauliches Beispiel dafür dienen, wie wichtig es ist, im Leben Stellung zu beziehen und die eigenen Träume nach Möglichkeit in die Realität umzusetzen. Besonders tragisch für die chinesische Jugend jener Zeit war es daher, dies weder in der Kulturrevolution noch nach den Ereignissen von 1989 ungehindert verwirklichen zu können. Ein weiterer Anknüpfungspunkt kann es daher sein, die Bedeutung des sich Erinnerns, die Auseinandersetzung mit der individuellen und gesellschaftlichen Vergangenheit, die immer in einem Spannungsfeld steht, deutlich herauszuarbeiten. Nur wer seine Vergangenheit kennt, kann bekanntlich auch eine Zukunft aktiv mitgestalten. Zumindest zwischen den „Zeilen“ geht es im Film schließlich auch um die langsame Politisierung eines Jugendlichen, um die Herausbildung eines gesellschaftlichen Erkenntnis- und Bildungsprozesses.

Wie bei jedem Filmkunstwerk wäre es auch hier bedauerlich, es nur als thematischen Aufhänger zu nehmen. Die Dramaturgie, die adäquate oder vielleicht auch nicht ganz gelungene Umsetzung der Themen und der Geschichte in eine ästhetische Form mittels filmsprachlicher Mittel sind genauso wichtig für die Auseinandersetzung wie die Inhalte. Als erste Anregung dazu wurden zwei Arbeitsblätter (pdf-Dateien siehe oben) entwickelt, die dazu dienen, sich über die Funktion der Fotografien und des Fotografierens im Film Gedanken zu machen beziehungsweise die auf einige besonders bemerkenswerte filmsprachliche Mittel des Films eingehen. Darüber hinausgehend sind auch die in der Arbeitshilfe enthaltenen Pressefotos und die Screenshots aus dem Film ein guter Einstieg in die Nachbearbeitung. Anknüpfungspunkte für den Unterricht bieten sich im Rahmen der Fächer Deutsch, Sozialkunde, Geografie, Politik, Ethik/Religion, aber auch für Kunst, Medienerziehung und sogar für Musik, wenn man die beiden leitmotivisch eingesetzten Lieder im Film zum Ausgangspunkt einer Betrachtung nehmen möchte. Selbstverständlich eignet sich der Film auch für die Erwachsenenbildung, wobei hier neben der formalen Umsetzung die politischen Aspekte mehr in den Vordergrund rücken werden

Literatur- und Medienhinweise, Links

  • Mediendossier und Bildmaterial des Schweizer Trigon-Filmverleihs
    www.trigon-film.org
  • Website des kommerziellen deutschen Verleihs
    www.kairosfilm.de
  • Filmbesprechung von Gerhard Midding in: epd Film 3-2014
  • Filmbesprechung von Reinhard Kleber in: filmecho/filmwoche 10/2014
  • Filmbesprechung von Nathalie Bao Göbel in: trigon Magazin Nr. 59/2014
  • Changshan Li, M.A.: Die chinesische Kulturrevolution (1966-1976) im Spiegel der deutschen und chinesischen wissenschaftlichen Literatur (1966-2008). Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität zu Bonn, 2010
  • Hartwig Bögeholz: „Gebt uns Demokratie oder gebt uns den Tod“. China: Das Massaker und die Folgen, Reinbek bei Hamburg 1989
  • Zhang Lian, Andrew J. Nathan, Perry Link: Die Tiananmen-Akte. Die Geheimdokumente der chinesischen Führung zum Massaker am Platz des Himmlischen Friedens, Propyläen Verlag, München, Berlin 2001
  • Liao Yiwu: Die Kugel und das Opium: Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens, S. Fischer Verlag, Oktober 2012

Filme:

  • UFO in her eyes
    Ein Film von Xiaolu Guo. Deutschland, China 2011, 110 Min. OmU
    Bezug: EZEF
  • Die Kämpfer des Dorfes Qiugang
    Ein Film von Ruby Yang. China, USA 2011, 40 Min. OmU
    Bezug: EZEF

Autor der Arbeitshilfe: Holger Twele