Arbeitshilfe

Zwischen den Welten

Der lange Weg einer gelungenen Integration

Ein Film von Yusuf Yeşilöz
Schweiz 2006, 54 Min., Dokumentarfilm,
OF mit dt., franz. und engl. UT

Bonunsmaterial
Hungern gegen Wände
Yusuf Yeşilöz, Schweiz 2003, 52 Min.,f., Dokumentarfilm

Das alevitische Lied
Yusuf Yeşilöz, Schweiz 2006, 15 Min., f., Dokumentarfilm

 

Inhalt

Die 38-jährige Güli Dogan gehört zur Zweitgeneration von türkischen Migranten/innen, die vor allem in den 1960ern und 1970er Jahren als Arbeitskräfte für die Schweiz angeworben wurden. Als die damals Neunjährige zusammen mit ihrer Mutter und vier Geschwistern 1977 aus einem kurdisch-alevitischen Dorf in der Türkei nach Winterthur immigrierte, lebte ihr Vater dort bereits seit sechs Jahren als „Gastarbeiter“. Der Dokumentarfilm reflektiert den Integrationsprozess von Güli Dogan, einer modernen jungen Frau, die heute im Einwohnermeldeamt von Winterthur beschäftigt ist, und begleitet sie durch ihren Schweizer Alltag. Offen schildert Güli ihre schwierigen aber auch bereichernden Erfahrungen in dieser anfänglich fremden Kultur. Ihr Wunsch, sich in dem neuen Umfeld zurecht zu finden, der emotionale Rückhalt durch ihre alevitische Familie, vor allem jedoch die Freundschaft zu ihrer Schweizer Schulkameradin Sandy helfen ihr, sich in Winterthur heimisch zu fühlen. Einerseits verwurzelt in ihren türkisch-kurdischen Wurzeln und Traditionen, gegen die sich Güli zwar immer wieder auflehnt, fühlt sie sich zugleich zunehmend in der Schweiz zu Hause. Der arrangierten Ehe mit ihrem Cousin folgt auf Gülis Wunsch die Scheidung. Fünf Jahre später trifft sich das ehemalige Paar wieder. Sie verlieben sich ineinander und heiraten zum zweiten Mal. Gemeinsam mit den beiden Töchtern lebt die Familie seither in Winterthur. In ruhigen Einstellungen und entspanntem Erzählrhythmus entfaltet sich „der lange Weg einer gelungenen Integration“ dieser jungen türkischstämmigen Schweizerin, die vor 29 Jahren aus einem kleinen kurdischen Bergdorf in den Schweizer Ort/Stadt Winterthur emigrierte. Szenen aus dem privaten und beruflichen Alltag illustrieren das jetzige Leben der jungen Frau. Fernseharchivbilder aus den siebziger und achtziger Jahren über die Familie Dogan dokumentieren Gülis Kindheit und Jugend und reflektieren zugleich die öffentliche Wahrnehmung der „Gastarbeiter“. Interviewausschnitte mit der Protagonistin, ihren Familienangehörigen, den Schweizer Freundinnen oder traditionell orientierten türkischen Arbeitskollegen ihres verstorbenen Vaters strukturieren die dokumentarische Handlung, vertiefen und erforschen jedoch zugleich die verschiedensten Facetten von Migration und Integration.

Der Regisseur Yusuf Yeşilöz ist als Interviewer und Kommentator des Geschehens präsent und gibt sich als ehemaliger politischer Flüchtling aus der Türkei zu erkennen. Dies erhöht den authentischen Charakter des Films. Zudem hat Yeşilöz’ eigener Migrationserfahrung sicherlich seinen Blick und die Sensibilität für diese Problematik geschärft und möglicherweise auch die erforderliche Vertrauensbasis zu der Protagonistin gefördert. Vor allem durch Güli Dogans Offenheit und starke Ausstrahlung wird „Zwischen den Welten“ zu einem greifbar dichten und sinnlichen Dokument.

Länderübergreifende Problematiken

In der Person Güli Dogan porträtiert der Regisseur Yusuf Yeşilöz eine bemerkenswerte willensstarke junge Frau und ihre erfolgreiche Integration – entsprechend optimistisch und versöhnend ist der Grundtenor des Films. Wie tief ihre Einbindung in die Schweizer Kultur ist, bezeugt nicht zuletzt ihr makelloses Schwyzer-Deutsch (außerdem spricht sie fließend türkisch und kurdisch), das anfänglich wie ein verblüffender Verfremdungseffekt wirkt. Integrationsfördernd waren, neben anderen Faktoren, sicher auch der im Vergleich zu Deutschland niedrige Schweizer Bevölkerungsanteil von Migranten/innen, was strukturell Ghettoisierungstendenzen (und der Herausbildung von Parallelgesellschaften) entgegenwirkt. Zu diskutieren wäre die Frage, inwiefern Güli Dogans Erfahrungen repräsentativ für Türkinnen ihrer Generation sind und wie sie sich auf bundesdeutsche Verhältnisse übertragen lassen.

Biografie einer selbstbestimmten türkischen Frau

Hier birgt gerade das Exzeptionelle dieser Frauenbiografie einen Ansatz zur länderübergreifenden Diskussion des Films und die Aufforderung zur differenzierten Wahrnehmung von Migranten/innen der zweiten Generation. Nicht nur in Sprache und Aussehen widerspricht Güli dem klischeehaften Bild der kopftuchtragenden, bildungsfernen Türkin, die sich den Wünschen von Eltern oder Ehemann gehorsam beugt. Zumal sich die Familie Dogan nicht zum islamischen sondern zum alevitischen Glauben bekennt. Selbstbewusst und mit viel Eigeninitiative hat Güli sich gegen Widerstände einen eigenen Weg zwischen zwei Kulturen gebahnt, Schweizer Freunde gewonnen, einen Beruf erlernt. Exemplarisch für ihren Selbstbestimmungsprozess ist Gülis Ehegeschichte. Zwar beugt sie sich bei der arrangierten Heirat mit ihrem Cousin Huseyin zunächst den Wünschen der Eltern, reicht jedoch bald darauf die Scheidung ein, um endlich ihr eigenes Leben führen zu können. Zu groß waren die Unterschiede zwischen ihrer Schweizer Lebenswelt und der ihres frisch aus der Türkei eingereisten jungen Mannes. Eine Liebesgeschichte mit Hindernissen und einem verblüffenden Happy End, denn die beiden heiraten erneut, diesmal jedoch, so Güli, „weil ich es wollte“.

Filme öffnen den Blick

Ein Film wie „Zwischen den Welten“ kann helfen, die sozialen und kulturellen Realitäten von Einwanderern in ihrer ganzen Vielfalt besser zu begreifen. Wie viele türkische Migrantinnen und Migranten der zweiten Generation wird auch Güli in der neuen Heimat mit den gesellschaftlichen und kulturellen Traditionen der  Elterngeneration konfrontiert. Vergleicht man jedoch die undramatische Aufhebung ihrer arrangierten Ehe mit den beklemmenden Schilderungen restriktiver Zwangsheiraten in einem Film wie „Zur Ehe gezwungen“, so zeigt sich, dass auch eine solche Tradition von den jeweiligen Familien ganz unterschiedlich gehandhabt wird. Frauenschicksale, wie sie in „Zwischen den Welten“ aber auch „Gegen die Wand“ (Fatih Akin, 2004), „Yasemin“ (R: Hark Bohm, 1988) oder „En Garde“ (R: Ayse Polat, 2004) geschildert werden, stellen unsere oftmals klischeehaften Vorstellungen und Verallgemeinerungen über „die Türken“ in Frage und weiten den Blick auf deren unterschiedliche Lebenswirklichkeiten.
Auch deswegen wurde Yusuf Yeşilöz’ Dokumentarfilm in das Programm des Festivals „ueber arbeiten“ der Aktion Mensch aufgenommen. Dieses bundesweite Filmfestival zu den Themen Arbeit, Wirtschaft und Globalisierung zeigt globale Verbindungen zwischen den verschiedensten Lebens- und Arbeitswelten und stellt Fragen nach der Zukunft und dem Wert von Erwerbsarbeit für unsere Gesellschaft. Elf Filme, darunter „Zwischen den Welten“, geben Denkanstöße für mögliche Formen des Zusammenlebens in einer Gesellschaft, deren Erscheinungsbild nicht zuletzt vom Engagement und von der Solidarität des Einzelnen abhängt.
„ueber arbeiten“ ist Teil des Projektes dieGesellschafter.de der Aktion Mensch, das unter der Frage „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“ steht. Nicht, in was für einer Gesellschaft Menschen leben müssen oder sollen, bestimmt die Zukunft unseres Zusammenlebens, sondern die Frage, in was für einer Gesellschaft wir gemeinsam leben wollen – das ist die Überzeugung des Projektes. In den Diskussionsforen der Website dieGesellschafter.de können Besucher an diesem Prozess der gesellschaftlichen Selbstverständigung teilnehmen und die Frage „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“ mit ihren eigenen poetischen, utopischen, politischen und sozialen Visionen beantworten.

Stationen der Integration

So exzeptionell die Biografie Güli Dogans in Einzelnen auch sein mag, so reflektiert sie zugleich allgemeingültige Einwandererproblematiken, die in großen Teilen auch die Verhältnisse in Deutschland betreffen. Eindringlich schildert der Film Gülis Auseinandersetzung mit der alten und neuen Heimat und ihre Suche nach einer eigenen Identität.
Anrührend beschreibt sie die Faszination des Dorfkindes von der glitzernden Warenfülle in ihrer neuen Heimatstadt, ebenso wie die anfängliche Entfremdung zum Vater, den sie bislang nur während einiger Sommerwochen in ihrem Dörfchen erlebte. Wie viele Migranten/innen ihrer Generation muss Güli bald erkennen, dass sie in vielen neuen Lebensbereichen auf sich selbst gestellt ist; können sie doch ihre berufstätigen Eltern, die Mutter ist zudem Analphabetin, beispielsweise in der Schule nicht unterstützen. Ihrem Willen, etwas zu lernen, verdankt Güli den schulischen Erfolg. Neben ihrem Bruder ist sie die einzige von fünf Kindern der Familie Dogan mit einer abgeschlossenen Ausbildung. Offen und nüchtern setzt sich Güli mit den Traditionen und Normen der Elterngeneration und der „Schweizer/innen“ auseinander. „Ich konnte meinem Vater vermitteln, das nicht nur das gut ist, was man kennt“, kommentiert sie selbstbewusst, dass dieser sie einst auf ihr Drängen vom Koranunterricht wieder abmeldete.
Das liebevolle, traditionell bestimmte, jedoch vergleichsweise liberale türkische Elternhaus, der auf Toleranz zielende alevitische Glauben der Familie Dogan, der Schulbesuch in Winterthur, vor allem jedoch die Freundschaft zu ihrer Schulkameradin Sandy erleichtern Güli die Sozialisation in ihrem neuen Lebensumfeld. Ohne ihre ethnischen Wurzeln zu negieren, kann sie schließlich eine Identität entwickeln, die über diese Wurzeln hinausgeht und ihre Lebenssituation in der neuen Heimat widerspiegelt. „Zu 80 Prozent“, sagt sie einmal „fühle ich mich als Schweizerin, zu 20 Prozent als Türkin“. Und dann fügt sie hinzu: “Als Türkin eines Dorfes, nicht eines Landes.“

Erfahrungen verschiedener Generationen

Eindringlich beschreibt „Zwischen den Welten“ die Stadien von Migration und Integration und greift dabei auch auf die Erfahrungen der ersten Generation zurück. Während sich die Folgegeneration verstärkt mit der einheimischen Bevölkerung vermischte, bleiben Gülis Eltern oder deren Freunde mehrheitlich unter sich und den Kultur- und Wertressourcen ihres Herkunftslandes verhaftet. Auch der Bildungshorizont dieser meist ungelernten Arbeiter unterscheidet sich deutlich von jenem ihrer Kinder. Traditionelle Werte, die gemeinsame Sprache, nicht zuletzt auch die Religion und die Hoffnung auf eine mögliche Rückkehr bieten für die Erstgeneration ein verbindendes Element und einen gewissen Halt im Exil. Anschaulich erzählt Mehmet, ein ehemaliger Arbeitskollege des Vaters, wie Arbeitsvermittler in die Türkei kamen, um türkische Arbeitskräfte in die Schweiz zu holen. Verlockt von der Aussicht auf ein gesichertes Einkommen und eine gute Ausbildung der Kinder, reisten diese „Gastarbeiter“, unter ihnen auch Güli Dogans Vater, in das fremde Land. Ein Aufenthalt von begrenzter Dauer war geplant.
Aber für viele kam es ganz anders. 35 Jahre ist Mehmet Ant bereits in der Schweiz. In der Türkei hat er sich ein kleines Haus gebaut – aber dort ist er nur während der Sommerzeit. Wird er jemals in seine alte Heimat zurückkehren? Mehmet Ant: „Erst dachten wir, wir würden einige Zeit bleiben, unsere Schulden bezahlen und dann zurückkehren. Dann holten wir unsere Familien nach, die Kinder wurden groß und bekamen hier Arbeit. Wir sagen noch immer, wir gehen zurück, aber wir sind Einheimische geworden ... „ Die Frage der Rückkehr in die Türkei stellt sich für Güli Dogan nicht. Trotz aller sehnsüchtigen Erinnerungen an ihr Heimatdörfchen hat sie in der Schweiz ein Zuhause gefunden, dessen Werte und Traditionen sie auch ihren Töchtern vermittelt, denn „sie sollen nicht zwischen zwei Kulturen aufwachsen.“

Hintergrund

Türkische Migranten/innen in der Schweiz

Der Wirtschaftsboom der fünfziger und sechziger Jahre führte in der Schweiz zu einem enormen Zuwachs an Arbeitsstellen. Arbeitskräfte waren gefragt – und wurden zusätzlich im Ausland rekrutiert. Türkische Arbeitskräfte kamen erst bei der sogenannten zweiten Einwanderungswelle in die Schweiz, ab 1965 mit zunehmender Zahl. Waren es bei der ersten statistischen Erfassung aus dem Jahre 1960 noch rund 5.000 Menschen türkischer Herkunft, stieg die Anzahl im Jahre 1990 bereits auf 62.000 Personen. Heute leben ca. 80. 000 Personen aus der Türkei in der Schweiz (BFS, 2004). [...] Neben Arbeitsmigranten/innen reisten und reisen auch Flüchtlinge aus der Türkei in die Schweiz. Es handelt sich größtenteils um Menschen kurdischer Herkunft, welche aus politischen Gründen nicht mehr in der Türkei leben können. (Quelle: Regine Lüthy, Fachstelle „Filme für eine Welt“, 2006)

Türkische Migranten/innen in Deutschland

Integration ist ein vieldiskutierter Begriff in der Diskussion um Zuwanderung in Deutschland und Europa geworden. Angesichts der Ghettoisierungs- und Islamisierungstendenzen, sowie der unbestreitbaren Schwierigkeiten vieler Einwanderer im Bildungssektor und auf dem Arbeitsmarkt werden immer wieder Stimmen laut, die von einer gescheiterten Integration sprechen. Die deutliche Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen der ausländischen Bevölkerung und eine wachsende Zahl von Einbürgerungen zeugen jedoch zugleich von Fortschritten im Integrationsprozess.
In Deutschland leben 15 Millionen Menschen mit „Migrationshintergrund“. Der hohe Anteil weist daraufhin, dass bei einer Gesamtbevölkerung von 82 Millionen, etwa jeder fünfte Bewohner der Republik oder aber die Eltern oder Großeltern als Einwanderer nach Deutschland kamen. Davon sind etwa die Hälfte eingebürgert, werden also statistisch als Deutsche erfasst. Von den 7, 3 Millionen nicht eingebürgerter Ausländer sind etwa 1,8 Millionen Türken. Sie bilden die größte Gruppe der Migranten/innen in Deutschland und sind per Arbeitsmigration, Familiennachzug oder aus politischen Gründen gekommen. Entgegen gängiger Vorurteile, die meisten Türken seien Muslime, ist die Religionszugehörigkeit türkischer Einwanderer durchaus heterogen: Es gibt Sunniten und Aleviten, Atheisten, Islamisten und viele Menschen, die mit Religion kaum etwas zu tun haben. In der öffentlichen Wahrnehmung werden türkische Einwanderer überwiegend als „Problemfälle“ gesehen. Tatsächlich haben von den 25 bis 35-jährigen türkischstämmigen Einwanderern fast 60 Prozent keinen Berufsabschluss. Einige neuere Untersuchungen, unter anderem von der Konrad-Adenauer-Stiftung, zeigen jedoch, dass ein großer Teil der Migranten/innen aus der Türkei hervorragend in Deutschland integriert ist. Ein nicht unerheblicher Teil, meist Kinder bereits beruflich qualifizierter Eltern, schafft die Hochschulreife. Jener Bereich türkisch-deutscher Normalität wird angesichts des Problematisierungsdiskurses jedoch nur wenig wahrgenommen.

Migration in der Bundesrepublik Deutschland

Seit dem späten 19. Jahrhundert wandelte sich Deutschland allmählich von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland. Nach der Integration von etwa 13 Millionen Vertriebenen des Zweiten Weltkrieges führte, ähnlich wie in der Schweiz, auch in der BRD der Arbeitskräftemangel zwischen 1955 und 1973 zu einem Anwerben von Millionen ausländischer Arbeitskräfte aus den Mittelmeerländern. Diese so genannten Gastarbeiter stammten beispielsweise aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei oder aus Marokko. Heute bilden sie zusammen mit ihren Familien die größte Gruppe der in Deutschland lebenden Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Zur Zeit ihrer Anwerbung übernahmen ausländische Arbeitskräfte eine wirtschaftspolitische Ersatz- und Pufferfunktion.
Die Anwerbepolitik war auf eine befristete Zuwanderung ausgerichtet, nach dem zeitlich begrenzten Arbeitsaufenthalt sollten die überwiegend männlichen Gastarbeiter wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Weil sie jedoch länger als ursprünglich geplant gebraucht wurden, holten sie nach einigen Jahren ihre Frauen und Kinder nach. Als die damalige Bundesregierung 1973 aufgrund der wirtschaftlichen Rezession einen Anwerbestopp für neue Arbeitnehmer erließ, blieb der Familiennachzug bis etwa 1990 die einzige legale Form der Zuwanderung. Nun zeichneten sich erste Niederlassungstendenzen ab. Durch den Nachzug von Kindern rückten erstmals Schul- und Bildungsproblematiken in der Blickpunkt der Öffentlichkeit. Trotz einiger Fördermaßnahmen war die Ausländerpolitik jedoch lange Zeit weiterhin auf Konzepte zur zeitlich befristeten Integration ausgerichtet.
Nach der Wiedervereinigung kamen vor allem Aussiedler/innen aus Ost- und Südosteuropa und der ehemaligen Sowjetunion sowie Flüchtlinge und Asylsuchende aus dem zerfallenden Jugoslawien hinzu. In den Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit wuchs angesichts der konzeptionslosen Ausländerpolitik auch das öffentliche Unbehagen gegenüber den „Fremden“. Die Themen Arbeitsmigration und Asyl wurden vermischt, das Ausländerthema ideologisiert. Vermehrt kam und kommt es zu rechtsextremen Gewalttaten gegenüber Migrantinnen und Migranten. 1999 reformierte die Bundesregierung das Staatsangehörigkeitsgesetz, um die Einbürgerung zu erleichtern. Ergänzend zu dem Abstammungsrechts, das die Staatsbürgerschaft aus der ethnischen Herkunft ableitet, trat am 1. Januar 2000 das Geburtsrecht in Kraft. Dieses erkennt in Deutschland geborenen Kindern ausländischer Eltern mehr oder weniger automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft zu. Nach langwierigen Debatten um die Gestaltung und Förderung von Integration konnte schließlich am 1. Januar 2005 das neue Zuwanderungsgesetz in Kraft treten, das alle Bereiche der Migrationspolitik in Deutschland umfassend regelt.

Zum alevitischen Glauben

In der Türkei leben 20 bis 25 Prozent Muslime türkischer, turkmenischer, kurdischer und arabischer Herkunft, die sich als Aleviten bezeichnen. Der alevitische Glaube wird in der Türkei nicht als eigenständige Tradition betrachtet. In ihrer Geschichte waren und sind deshalb Aleviten immer wieder heftigen Verfolgungen ausgesetzt.
Der alevitische Glaube hat seine Wurzeln in der Frühzeit des Islam und formte sich zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert als eigenständige Bewegung am Rande des Islams aus. [...] Aleviten bekennen sich zu einer von Toleranz und Freiheitlichkeit geprägten humanistischen Weltanschauung. Männer und Frauen sind gleichberechtigt, das Verhältnis zu anderen Religionen, Glaubensbekenntnissen und Ideologien ist sehr offen. Menschenrechte im allgemeinen und die Meinungs- und Religionsfreiheit im speziellen werden von den Aleviten ausdrücklich bejaht.
Aleviten heben sich innerhalb der Gesellschaft nicht durch spezifische äußerliche Merkmale hervor: sie tragen keine spezielle Kleidung oder Kopfbedeckung, ihre Gebete sind nicht an einen bestimmten Raum oder Ort gebunden – Pflichtgebete sind im alevitischen Glauben nicht vorausgesetzt. Der Koran gilt als Niederschrift von Offenbarungen, welche kritisch gelesen werden darf. [...]
Die Musik des traditionellen Instrumentes «Saz» und das spirituelle Tanzen, „Semah“, spielen eine wichtige Rolle bei den sogenannten Cem-Versammlungen. Diese sozialen Treffen der alevitischen Glaubensgemeinschaft können als eine Art „Gottesdienst“ betrachtet werden. Cem-Versammlungen werden in großen Häusern oder im Freien abgehalten. [...] Frauen und Männer tanzen „Semah“, wörtlich zu übersetzen als Himmel oder Himmelsgewölbe. In der Form eines Kreises, wie die Kreisbahnen von Sonne und Mond, beginnt der Tanz mit langsamen Bewegungen und wird Schritt für Schritt schneller: ein Symbol für den Menschen, der sich im inneren Sinne Gott nähert.
Der Film „Das alevitische Lied“ liefert weitere Informationen zum Thema und ist ebenfalls auf der DVD (Bonusmaterial) enthalten. (Quelle: Regine Lüthy, Fachstelle „Filme für eine Welt“, 2006)

Zum Regisseur

Yusuf Yeşilöz wurde 1964 in einem kurdischen Dorf in Mittelanatolien geboren und kam 1987 als Flüchtling in die Schweiz. 1995 erhielt er die schweizerische Staatsbürgerschaft. Heute lebt Yusuf Yeşilöz als Schriftsteller und Filmemacher in Winterthur. Zu seinen Büchern gehört unter anderem der mit dem Ehrenpreis der Stadt Zürich ausgezeichneten Roman „Der Gast aus dem Ofenrohr“ (2002) und „Der Imam und die Eselin“ (2004). In seinem Debütfilm „Hungern gegen Wände“ (2004) ist Yusuf Yeşilöz ein eindrückliches Porträt über seinen kurdischen Freund Cemal Miran gelungen. Der Film zeigt in sachlichem Ton, wie der durch Folter und Hungerstreik gezeichnete Mann im Flüchtlingsstatus in der Schweiz lebt und versucht, hier Genesung und Würde zurückzuerlangen. „Hungern gegen Wände“ befindet sich ebenfalls auf der DVD (Bonusmaterial). In „Zwischen den Welten“ widmet sich der Regisseur der Arbeitsmigration, welche im Gegensatz zur Flucht- und Foltergeschichte des Debütfilms eine positive Geschichte zum Thema Migration erzählt. Für beide Filme wesentlich ist der eigene Erfahrungshintergrund des kurdisch-stämmigen Regisseurs. (Quelle. Auszüge aus Regine Lüthy, Fachstelle „Filme für eine Welt“, 2006)

Didaktische Hinweise

 „Zwischen den Welten“ ist für Schüler/innen ab Klasse 8 geeignet. Da der Film in der Originalfassung für ein Nicht-Schweizer Publikum nur schwer zu verstehen ist, sollte eine untertitelte Fassung gewählt werden. Um den filmischen Inhalten umfassend folgen zu können, ist es wichtig, dass die Schüler und Schülerinnen die Untertitel problemlos und fließend lesen können. Berücksichtigt werden sollte auch, ob sich Kinder mit Migrationshintergrund in der Klasse befinden, um deren eigenen – bikulturellen – Erfahrungshorizont in die Diskussionen mit ein zu bringen.   
In einer ersten Arbeitssitzung kann nach dem gemeinsamem Betrachten die unmittelbare Rezeptionserfahrung reflektiert werden: Wie empfanden die Schüler/innen das Schwyzer-Deutsch der Protagonistin? Wurden die Filminhalte verstanden? Hat sich das eigene Verständnis von Migration und Integration nach dem Film verändert?
Grundsätzlich sollte darüber diskutiert werden, inwiefern sich die Problematik von Migration und Integration auf deutsche Verhältnisse übertragen lässt. Ein Einsatz des Filmes ist in den Fächern Deutsch, Sozialkunde, Geografie und Religion/Lebenskunde möglich. Folgende Aufgabenstellungen können dabei berücksichtigt werden:

Filmanalyse

  • Analyse der filmischen Struktur: Kommentar, Archivmaterialien, Alltagsszenen, Interviewausschnitte
  • Bedeutung des Migrationshintergrundes des Regisseurs für die filmische Arbeit
  • Darstellung (beispielsweise als Schautafel) der verschiedenen Stationen von Güli Dogans Integrationsprozess

Stationen der Integration

  • Brainstorming: Was bedeutet der Begriff „Integration“?
  • Welche Voraussetzungen (persönliche, institutionelle, familiäre etc.) sind für das Gelingen einer „Integration“ möglich?
  • Welche Stadien der Integration spiegelt Güli Dogans Biografie wieder. Was förderte die Eingliederung in ihre neue Umgebung, was erschwerte diese?
  • Was verbindet Güli mit den Werten und Traditionen der Elterngeneration, wo unterscheidet sie sich von diesen?
  • Wie erinnert Güli Dogan ihre Kindheit und Jugend? Wie steht sie zur Sozialisation ihrer Töchter?
  • Diskussionsrunde: Mitschüler/innen mit Migrationshintergrund reflektieren ihre persönlichen Erfahrungen mit Migration, Identität oder ethnisch geprägten Vorurteilen
  • Recherche und Diskussion des öffentlichen Bildes von Migranten/innen in Deutschland?
  • Welche Bedeutung hat der alevitische Glauben für Güli und was ist über diese Religion bekannt?

Frauenbiografie

  • Inwiefern ist Güli Dogan eine ungewöhnliche Persönlichkeit? Warum widerspricht sie dem Bild einer traditionellen türkischen Frau?
  • Inwiefern spiegelt Güli Dogans Ehegeschichte auch den Prozess einer Identitätsfindung wider?
  • Rollenbilder türkischer Migrantinnen in verschiedenen Filmen, beispielsweise „Zwischen den Welten“, „Gegen die Wand“, „Yasemin“ oder „Zur Ehe gezwungen“ herausarbeiten und vergleichen Diskussion der unterschiedlichen Lebenswelten von Migrantinnen 

Migration

  • Welche Arten von Migration gibt es?
  • Vergleich zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz: Was sind die wirtschaftspolitischen Ursachen der Arbeitsmigration? Inwiefern unterscheidet sich die Situation von Migranten und Migrantinnen grundsätzlich in beiden Staaten?
  • Diskussion: Deutschland ein Einwandererland?
  • Recherche und Darstellung der Bildungs- und Arbeitsproblematiken von Migranten/innen in Deutschland  
  • Referat über die rechtliche Situation von Migranten/innen in der Bundesrepublik Deutschland
  • Worin unterscheidet sich die erste und zweite Generation von Einwanderern?
  • Inwiefern spiegelt der Film eine Realität wider, die auch für die Migrationssituation in Deutschland gilt?
  • Was erzählt der Filmemacher Yusuf Yesliöz über seine eigene Migrationsgeschichte.

Literatur- und Materialhinweise; weiterführende Links

Folgende Bücher von Yusuf Yeşilöz liegen vor:

  • „Reise in die Abenddämmerung“, Rotpunktverlag Zürich
  • „Vor Metris steht ein hoher Ahorn“, Unrast Verlag Münster
  • "Steppenrutenpflanze - eine kurdische Kindheit“, Rotpunktverlag Zürich
  • „Der Gast aus dem Ofenrohr“, Rotpunktverlag Zürich
  • „Der Imam und die Eselin“, Rotpunktverlag Zürich

Iris Alanyali: Die blaue Reise und andere Geschichten meiner deutsch-türkischen Familie; Rowohlt Verlag, Reinbeck 2006; 256 S.
Ayaan Hirsi Ali: Ich klage an. Plädoyer für die Befreiung der  muslimischen Frauen. Aus dem Niederländischen von  Anna Berger und Jonathan Krämer, Piper Verlag, München/Zürich 2005, 214 Seiten
Ursula Boos-Nünning / Yasemin Karakasoglu: Viele Welten leben. Zur Lebenssituation von Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund. Waxmann Verlag, Münster 2005, 580 Seiten
Fatma B.: Hennamond. Mein Leben zwischen zwei Welten, München 2001
Husa/Parnreiter/Stacher (Hg.): Internationale Integration - die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts?, Wien 2000
Kelek, Neclá: Die fremde Braut – ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland

Medienhinweis

REISE ZUR SONNE
(Günese Yolculuk)
Yesim Ustaoglu, Türkei / D / NL, 1999, 105 Min., f., Spielfilm (OmU)
Bezug: EZEF

 

Autorin der Arbeitshilfe: Ula Brunner
November 2006